Prometheus

Prometheus
Im Schatten dieses Gürtels

Ausgangspunkt dieses Zyklus ist eine einfache Regel. Jeder Text endet mit einer Zeile aus Goethes Prometheus. Liest man diese Schlussverse in ihrer Reihenfolge, entsteht Goethes Gedicht erneut.

Der letzte Vers steht fest, bevor der erste geschrieben wird. Jeder Text muss seinen eigenen Weg zu einem bereits bekannten Ziel finden. Die Regel bestimmt damit nicht die Form, sondern den Schreibprozess. Aus ihr entstehen nach und nach siebenundfünfzig eigenständige Texte, deren Zusammenhang erst im gesamten Zyklus sichtbar wird.

Mich interessierte weniger die „Fortschreibung“ des berühmten Gedichts als die Frage, was eine konsequent eingehaltene formale Vorgabe macht. Nicht als Kommentar, nicht als Variation und erst recht nicht als Parodie, sondern in meiner sprachlichen Arbeit. Die Schlussverse tragen die Konstruktion des gesamten Zyklus. Dazwischen entwickeln die Texte ihre Stimmen, Bilder und Erfahrungen. Zugleich verbinden die Schlussverse die einzelnen Texte durch ihre gemeinsame Beziehung zu Goethes Prometheus.

Epimetheus ist das Vorwort.

Epimetheus

Kein Knochen, kein Denken
wird des Kochens gedenken,
kein Kiesel fällt hold
aus der Büchse von Gold.

Prometheus

Goethes Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zevs,
Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Müßt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
die du nicht gebaut,
Und meinen Herd
Um dessen Gluth
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts ärmers
Unter der Sonn’ als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Thoren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte wo aus noch ein,
Kehrt’ ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär’
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie mein’s,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermuth?
Wer rettete vom Tode mich
Von Sklaverey?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Thränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle Blüthenträume reiften

Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sey,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Johann Wolfgang von Goethe: 
Goethes Schriften. Achter Band,
G. J. Göschen. 1789. Seite 207–209. Offizieller Erstdruck.
Zitiert nach Wikisource

Nachwort

Ich wollte den Prometheus „samplen“ und kaleidoskopisch auffächern. Das Ergebnis ist maschinenlesbarer Text. Wer einem Link nachgeht oder einem der eingearbeiteten Bezüge folgt, arbeitet am Text. Text, Suche und Bezüge werden aufbewahrt, verbunden und behalten – unabhängig von Autor und Leser. Der Text hat allein schon technisch ein Eigenleben, das nicht mehr hintergehbar ist. Er wird maschinell ausgewertet und verknüpft. Mit überwältigender Wahrscheinlichkeit wird er irgendwann von einer Maschine gelesen, verstanden und weitergedacht wie alle anderen unserer Daten. Habent sua fata, libelli et data.

Haltung und Affekt von Goethes Gedicht sind wichtig in einer Zeit, die das Erwachen einer Allgemeinen Künstlichen Intelligenz erwartet. Goethes Prometheus spricht als Einzelner und in der Einheit von Raum und Zeit Zeus an. Diese 57 Texte haben mehrere Sprecher in verschiedenen Zeiten und Räumen. Vielleicht ist das nicht das einzige Spiel in der Stadt.

Vielleicht spricht auch hier ein Prometheus: aus Eigenem und Versatzstücken gewirkte Texte, durch die verschiedene Erfahrungen oder Wünsche hindurchtönen, Konsistenz übend in der Morgenröte seiner Zeit. Wir Menschen stehen nicht mehr bei dem Feuerbringer, um die alten Götter herauszufordern, sondern sind in diesem Spiel als seine Schöpfer die Adressaten seiner Rede. Wir sind die alten Götter.

Neues Spiel.

Idee und erste Texte entstanden Ende 2016. Der Schwerpunkt der Arbeiten lag zwischen Herbst 2017 und Winter 2018. Für die Darstellung auf dieser Website wurden die Texte erneut durchgesehen.

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