Unterwegs mit Gefährten
Die Runde mit den Hunden am Morgen und am Abend ist ihrem Bedürfnis geschuldet zu pinkeln und zu kacken. Im Haus dürfen sie beides nicht.
Ich gehe mit ihnen in den Wald. Die Hunde an der Leine, ich am anderen Ende. Während sie Gerüche lesen und jedes Blatt einzeln untersuchen, wird mein eigener Blick langsamer. Er verliert sein Ziel, schweift ab und bleibt an Dingen hängen, an denen ich allein vorbeigegangen wäre.
Die Hunde orientieren sich am Geruch, ich eher am Sehen. Als Gefährten zwingen wir einander unsere Wahrnehmung nicht auf. Der Hund kann das nicht. Der Mensch auch nicht.



Die Fotografien sind auf diesen Wegen entstanden. Sie sind Reminiszenz und Echo einer Geschichte signifikanter Andersartigkeit, durch die wir als Gefährten zu dem werden, was wir sind – „in Leib und Zeichen“. Donna Haraway beschreibt damit keine Tierliebe, sondern eine gemeinsame Geschichte verschiedener Spezies. Die Frage ist nicht, wie wir Tiere verstehen, sondern wie wir mit den vielen nichtmenschlichen Wesen leben, mit denen wir die Welt teilen.
Wir werden lernen müssen, mit Fremdem zu leben. Vielleicht auch mit radikal Fremdem.






Fünfhundert Jahre später
Das alles mag erst in fünfhundert Jahren eine Rolle spielen. Die Grundregeln aber müssen wir heute entwickeln – im Morula-Stadium der KI. Wenn wir heute nicht denken, werden die Dinge ihren eigenen Lauf nehmen. Vieles spricht dafür, dass sie das ohnehin tun. Ernsthaft: Soll ich mich heute lächerlich machen für ein Anliegen, das vielleicht fünfhundert Jahre braucht?




Ich aber fand, es stünden nun schon genug Städte überall in der Welt. und die, welche mittlerweile verschwunden wären, ließe man besser so, verborgen unter Gras, Asphodelen und Brombeergesträuch, und der Wind mochte seufzend darüber streichen.
Rose Macauley: Tante Dot, das Kamel und ich. Aus dem Englischen von Walter Schürenberg, Hamburg, 1958, Claassen Verlag. Hier zitiert nach: Elsemarie Maletzke: der literarische Reisekalender 2010, 2009, Frankfurt, Schöffling und Co.
Irgendwann wird uns von uns selbst geschaffene Intelligenz begegnen. Evolutionsbiologisch eher kurz danach werden wir uns fragen müssen, was KI, AI oder Em mit uns vorhaben. Vielleicht lassen sie uns noch im Wald kacken. Vielleicht nicht alle von uns. Vielleicht nur die mit den schönsten Nasen, den längsten Beinen, den besten Tricks oder zwei Köpfen. Vielleicht sind wir auch längst verschwunden.
Das sind so Gedanken. Da schaue ich lieber, wie das nächste Würstchen sich formt, am Haarkleid abgleitet und schließlich in das Laub sinkt, das noch einen Augenblick nachfedert. Hunderunde halt.
Erwähnte Bücher und Links zu Amazon.
(1) Haraway, Donna: Das Manifest für Gefährten. Berlin, 2016, Merve Verlag, Seite 31
(2) Hanson, Robin: The Age of Em· Work, Love and Life When Robots rule the Earth, Oxford, 2016, Oxford University Press
(3) Tegmark, Max: Life 3.0: Being Human in the Age of Artificial Intelligence, New York, 2017, Vintage Penguin
Literatur und Film
Die folgenden Bücher und der Dokumentarfilm haben die Überlegungen dieser Seite begleitet.
Tonje Hessen Schei: iHuman. Dokumentarfilm, Norwegen/Dänemark, 2019.
Donna Haraway: Das Manifest für Gefährten. Berlin: Merve Verlag, 2016.
Robin Hanson: The Age of Em. Work, Love and Life When Robots Rule the Earth. Oxford University Press, 2016.
Max Tegmark: Life 3.0. Being Human in the Age of Artificial Intelligence. New York: Vintage, 2017.
Die komplette Fotoserie „Hunderunde“ ist bei Smugmug mit 4K Auflösung zu sehen.
Es gibt die Fotoserie als Buch. Hergestellt von Whitewall, auf Fuji-Fotopapier belichtet, 30 x 30 cm, 40 Seiten, Hardcover. Hier einige Eindrücke.




Wer ein Buch haben möchte, kann mir eine Email schreiben.
