In einem tiefen Rosengarten webt das Gold des Morgens. Auf einer Lichtung wölbt ein prächtiger Bogen pink- und peachfarbener Rosen korpulente Fülle. Zwischen zwei Männern steht ein französisch anmutender runder Bistrotisch mit gräulich marmorierter, wellig geschwollener Rechtwinkelkante des feuchtfettgelösten kunststofffournierten Faux-Marmors, darauf zwei 125ml Kaffeetassen. Diese wackeln in den Untertassen auf den Wellen des Furniers. Der Kaffee dampft nicht, weil längst kalt. Die aufgeschäumte Milch in kleinhohem, türkisen Kännchen kollabiert, ruht tief nun, in ihrer Tiefe perlenweiß. Die beiden Männer schweigen an dem Tisch. Auf dessen beiden Seiten. Der Augen vier sind alle offen, starr, als ob sie grad‘ erschossen wären. Ein Grunz verweht in Seidenfetzen. Die Natur bleibt unberührt. Vögel tschilpen nah und fern. Alles mischt sich leis‘ im Blättern. Die Männer verharren dankbar in der stetig friedvollträgen Ambiance des Rosengartens. Für einen Moment. Sie wachen auf.
“Wo kommt das her?”
Gottlob von Treuensee (GvT): Schön, dass wir uns wieder treffen. Ich danke auch, dass Sie noch einmal mit mir sprechen.
Christoph Zimmermann (CZ): (nickt) Ach, da sind Sie ja schon wieder. Sie hatten noch zwei Runden gebucht. Also muss ich wohl (lacht kurz mit einem sarkastischen Akzent).
GvT: In unserem letzten Gespräch haben wir das Thema „Echos“ in Ihren Arbeiten angesprochen. Ich will das vertiefen: „Hirnwanne“ heißt auch „Echokammer“. Da klingt die Folterkammer im Abgang mit. Wo kommt das her?
CZ: „Echokammer“ weist auf vernetzte Referenzen in Text und Bild. Stehen lassen, habe ich gelernt. Auch Dummes. Und das Warten. Das geht vielleicht nicht weiter. Die Interpretation von „Folterkammer“ bleibt Ihnen überlassen. Es passiert wohl auch Unangenehmes im Leben, so hört man.
GvT: Echo ist Wiederholung, nichts Originelles, Imitation?
CZ: Auch unklare Eindrücke hinterlassen Spuren. Eine Steinabreibung ist kein Original und zeigt doch viel mehr und anderes als der 2000 Jahre anhaltend berührungslos herumliegende Grabstein im Reisfeld beim „Großen Sprung nach vorn“, come rain or come shine. Sehen Sie die Einschußspuren und Grafitti des Weltkriegs im Reichstag. Das war eine schöpferische und nicht nur ästhetische Entscheidung des Architekten. Jemand entschied: stehen lassen – und das auch gegen Widerstände. Man muss nicht damals dort dabei gewesen sein. Oft wissen wir nicht, woher eine Erinnerung stammt. Sie erhebt sich als verweintes Gebäck aus Tee. Unser Leben webt sich herum aus Erinnerungen, Texten, Bildern, Movies, Meinungen, Bewertungen und vielem anderen Herumungen. Dabei gilt ein Echo häufig als das Original und ist es doch oft nicht. Gelassen stehen lassen. Hören.
Wissenschaftliche Herangehensweise
an Zitate
GvT: Wie gehen Sie ganz konkret mit Zitaten und Referenzen um?
CZ: Das geht dem Satz entlang: Zitat, Recherche, Referenz. Eine angemessene Dokumentation von Material und Methoden gehört dazu. Im Hintergrund steht eine Datenbank mit etwa 15.000 Einträgen, ein digitaler, stark vernetzter Zettelkasten voller Querverweise, Assoziationen und Zitate. Sie wachsen.
GvT: Darf ich da einmal hinein schauen? Sneak preview?
CZ: Klar. Be my guest.
Hier wird die Gesprächsaufzeichnung angehalten. GvT und CZ gehen an einen Bildschirm im Arbeitszimmer. Deckenhoch Bücher auf drei Seiten, auf der vierten Seite der Blick in den Garten. Der Rollladen für die Glasschiebetür ist seit dem Morgen kaputt. Man kann nur in den halben Garten sehen. Und auf die Wurzeltriebe einer Sommerlinde, nicht aber auf deren Krone. Die Männer sind für etwa eine Stunde fort. Sie kommen zurück in den Garten. Sie betreten den Garten in dem nicht einsehbaren Bereich. Sie gehen aus dem halbierten Fensterrahmen vor der Lindenwurzelbrut seitlich heraus, die hinter ihnen aufwächst. Die Männer betreten dann den Garten von vorne, also von hinten, sie gehen herum nach vorne, also hinten, und setzen sich an den beschriebenen wackeligen Tisch. Die Aufzeichnung wird fortgesetzt.

CZ: Urheberrechtliche Beschränkungen verbieten das Auspacken des Zettelkastens in der Öffentlichkeit.
Haltung zu “Plagiaten“
GvT: Ich habe es gesehen. Sie legen Ihre Quellen offen.
CZ: Wenn man mich fragt: sehr gerne. Es geht weniger um Offenbarung als Verfolgung. Ich will es für mich selbst nachvollziehbar halten: Ein alter Mann mag seine Murmeln gern sortiert.
GvT: Wie sehen Sie die Grenze zwischen Plagiat und kulturellen Einflüssen?
CZ: Wir alle greifen kulturelles Wissen ab. Es ist wie Leitungswasser. Wir erwarten es, ganz selbstverständlich. Es ist um uns herum. Das gilt sicher nicht für die vielen Ödländer und Wüsteneien der Welt. Herr Richard Dawkins prägte den Begriff „Mem“ – Ideen, die sich wie Gene verhalten, verbreiten und weiterentwickeln – nicht verwechseln mit „Meme„. Ein beiläufig gepfiffen Lied ist etwas anderes als die ungekennzeichnete Verwendung fremder Texte auf der eigenen Website.
GvT: Man könnte sagen, ein Plagiat steuert ein gestohlenes Boot auf dem Fluss kollektiven Bewusstseins.
CZ: Das Plagiat stiehlt das Erbe der Idee und lügt. Wer das Boot nicht selbst gebaut hat, muss die Werft benennen.
Lieferkettengesetz für Kulturgüter
GvT: Sie räumten ein, dass eine vollständige Bloßlegung aller Einflüsse nicht möglich ist.
CZ: Muss ich Kopernikus zitieren, wenn ich erwähne, dass die Erde um die Sonne kreist? Ich kann mir heute nicht mehr über alles zwischen Quantenphysik und Wählerwanderungen aus eigener Kenntnis eine eigene Meinung bilden. Kein Text im luftleeren Raum. Der einsamste Dichter hat eine Sprache, erinnert sich an Kinderlieder, Gedichte oder aktuelle Nachrichten. Kultur ist ein vielschichtiges Sediment. Kultur wird über Jahrtausende abgelagert, verdichtet und transformiert. Sie wird zu einem geistigen Treibstoff, vergleichbar mit Erdöl. Die einzelnen Bestandteile sind nicht mehr zu trennen, sie werden zu fossilen Überresten. Aus diesem Rohstoff entstehen durch Hochpumpen, Brechen und Verbinden neue kulturelle „Kunststoffe“. Culture-Fracking.
GvT: Das klingt, als bräuchten wir ein Lieferkettengesetz für Kulturgüter.
CZ: Wir alle sind von Wissen umgeben, das wir nicht selbst geschaffen haben. Wir verstehen es auch nicht mehr. Wie Keith Richards angeblich sagte: „Wer die größte Plattensammlung hat, schreibt die besten Songs.“ Intertextualität und Intermedialität gab es vor Homer, und wird es auch nach Goethe geben. Früher waren es die Bibliotheken, heute beflackert das Internet die Glasfasern und trägt die Kunde nach hüben und drüben.
GvT: Ist das nicht offensichtlich trivial?
CZ: Nein. Es wird erst trivial, wenn die Genauigkeit von Quellenangaben unwichtig wird. Die Bedeutung der Nachvollziehbarkeit variiert nach Warenwert und persönlicher Einstellung, bis sie entweder ökonomisch wertlos oder unbezahlbar wird.
GvT: Kann ich von Homer „stehlen“?
Aus einem kleinen Dorf in Kanada
CZ: Klar geht das. Es mag bei Homer nach 3000 Jahren Rezeption schwierig sein, damit unbemerkt durchzukommen. Stellen wir uns vor: Ich finde in einem kanadischen Dorf ein 150 Jahre altes Manuskript nebst französischer Übersetzung und Notation eines First Nation Kultgesangs. Daraus entwickle ich, ohne diese Quelle zu nennen, ein kommerziell erfolgreiches Musical. Wäre das redlich verdientes Geld? Wohl kaum, selbst wenn es rechtlich erlaubt sein sollte. In unserer vernetzten Welt werde ich früher oder später mit so etwas auffliegen. Deshalb ist außerdem einfach dumm.
GvT: Vielleicht legal, nicht legitim?
CZ: Es geht hier nicht so sehr um die Gesetze. Kanada hat sehr klare Regelungen für den Export indigener Kulturgüter. Das wäre sogar vielleicht noch legal. Nicht die rechtliche Lage steht im Vordergrund und deshalb auch nicht so sehr die Strafe. In einer begeisteten Welt folgt sowieso der Tat die Strafe auf dem Fuß. Das wissen alle Beteiligten. Die materiellen, sozialen und ethischen Kosten solchen Verhaltens steigen auch für uns im Nordwesten. Kein Mensch kann ohne kulturelle Aneignung leben. Sonst wären schon Erziehung und Kochen nicht möglich. Wir sind in einer Debatte um kulturelle Aneignung im Kontext kolonialistischer Überwältigung und Aneignung. Dieser Streit wird absehbar nicht enden und er wird täglich neu verhandelt. Er ist aber ein graduelles, keine kategoriales Problem. Das mindert nicht die Schärfe, noch den Schmerz.
Weltanschauungen, Wertsysteme und Erfahrungen mögen kategorial erscheinen. Die Prozesse der Aneignung zwischen ihnen können aber nicht kategorial funktionieren. Sie müssen kontinuierlich sein, spektral, weil Menschen nicht anders leben können.
GvT: In einer Welt, in der alle Zugang zu Informationen haben, kann sich niemand mehr auf Unwissenheit berufen?
Der globale Süden wird die eigene Schlauheit entwickeln
CZ: Die Unschuld ist weg. Auch die Unschuld des globalen Südens. Alle Menschen eignen sich etwas an. Mal was Rohes, mal was Gekochtes. Der Süden nuckelt gern das Mark des Nordens garer Knochen. Der Norden fräst gern durch des Südens rohes Erz von Brocken, die ihm nicht gehören.
GvT: Wo ziehen wir eine Grenze zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem in Text und Kunst?
CZ: Der Fiskus nennt das wohl „Bagatellgrenze„. Die Zone, ab der eine Übernahme als problematisch gilt, wird gesellschaftlich ausgehandelt. Das endet mal so, mal so. Es ist ein fortlaufender Prozess. Und im Prozess werden die Gesetze. Wie Sie wissen. Und jenseits dieser verwursteten Grenzen beginnt das Plagiat.
GvT: Was ist denn jetzt ein Echo?

Nehmen Sie
#21 Laura Bösch
als Beispiel:
sie weint um
ihren Mann
CZ: Und ich dachte, es ginge um die Weltherrschaft. Also Echos. Nehmen Sie #21 Laura Bösch als Beispiel. Ein erstes Echo: Petrarcas Laura ist sofort erkennbar an der Begegnung am Karfreitag in einer Kirche. Kirschblüte, Sakura, Vergänglichkeit, Tod, Opfer, Jagd, Schlachtung. Fleischfachassistentin: Töten, Laborprozedur EU-Norm. Zielcodeverfahren. Ihr Geliebter als Augustuskopf, Gipsformerei der Museen, Alabaster, also Gips, Zerbrechlichkeit, Schönheit und Fremdenlegion. Das Krankenhaus ist eine Legionsanschrift. Die Flammenbombe ist das Legionswappen. Der Rest in ein klares Zitat des Petrarca Sonetts Nr. 16 und die Ausgabe wird benannt. Auf dem Bild sieht man typische Trichinensilhouetten im Blumenstrauß und im Grün den Objektträgerhalter auf dem Kreuztisch des Mikroskops. Das Gedicht „die letzte die glückliche Nacht“ ist ein MashUp aus Dutzenden von-irgendwo-military Heimkehr PTBS-Männern aus Serien, die ich so schaue. Und wenn Sie das alles nicht wüssten, wären Story, Gedicht und Bild immer noch in Ordnung und würden funktionieren, hoffe ich. Genau hier kann auch alles böse in Kitsch oder Namedropping entgleisen. In der Laura steckt die Lara. Und dann sind wir schon bei Doktor Schiwago. Das war jetzt etwas lang. Sie hatten es bestellt. Und wenn Sie prost.regelten.älteres nachsehen, landen Sie beim Schlachthof in Gelsenkirchen. Da steht die Laura Bösch mit ihrem Brief. Das ist quer durch den Gemüsegarten durchreferenziert. Man kann das mitlesen, muss es aber nicht. Wenn es mitklingt, sind das Obertöne. Es macht Spaß. Wie Sacré-Cœur-aus-Streichhölzern-nachbauen im Keller. Es geht aber nicht um den Spaß, sondern um die intertextuelle Komplexität und Simultanität, das Polyphone.
Die Geschichte ist zu lang
GvT: Die Geschichte ist zu lang. Das haben Sie schön für mich zurechtgebastelt.
CZ: Nein. Das habe ich nicht. Und das wissen Sie auch längst. Haben Sie gemerkt, dass Sie jemanden zitiert haben?
GvH: Nein. Wie?
CZ: „The Letters“ von Leonard Cohen. So etwas sind Echos. Jetzt muss ich, lieber Treuensee, aber mal was anderes machen.
CZ schüttet H-Sahne aus einer viereckigen 200ml-Packung, aus der es schlappend rhythmisch in eine Untertasse spritzt, voller grüner Weinkranz. Das ist vorbei. Eine getigerte Hauskatze tritt lautlos hinzu. Sie trinkt schlabbernd aus der Untertasse und danach auch das verspritzte.

Text: Christoph Zimmermann
Bilder: #21: Christoph Zimmermann. Alle anderen: Adobe Firefly / Express
