Zu Material und Methoden der HIRNWANNE

Erlebtes wird Gedachtes überschreiben. Oder war es anders herum? Alles ist hier ausgedacht. Und es ist doch eine Echokammer.

Niemand schreibt erinnerungsfrei. Er könnte nur gestenlos vokalisieren.

Alle Personen, Situationen und Ereignisse sind frei erfunden. Irgendwelche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Ich beschreibe hier mein Vorgehen bei der Entwicklung von Texten und Bildern, der Fiktionalisierung von Figuren und der Vorsicht im Umgang mit Gedächtnis.

Material

In klinischer Tätigkeit sieht man Menschen. Dabei entstehen Erinnerungen und Aufzeichnungen. Für dieses Vorhaben wurden Notizen über und persönliche Erinnerungen an berufliche Werdegänge, soziale Interaktionen und Familienstrukturen von Patientinnen und Patienten und mir privat begegneten Personen genutzt. Kenntnisse klinischer Diagnosen sowie diagnostischer und therapeutischer Abläufe wurden ebenfalls verwendet.

Alle Klarnamen und Geburtsdaten wurden entfernt. Das soziale Geschlecht wurde übernommen. Das Alter einer Person wurde an Hand des ersten bekannten Bildungsabschlusses rekonstruiert. Soweit konkrete Geburtsdaten benötigt wurden, sind sie dem poetischen Zweck folgend frei erfunden worden – abgesehen von historischen Personen. Eine Person wurde als „historisch“ betrachtet, wenn es einen wikipedia.de-Eintrag gibt.

Auf Namen konnte nicht verzichtet werden. Alle Namen der HIRNWANNE wurden Web-basierten Datenbanken oder Applikationen zur Generierung von Namen für Autoren entnommen. Verwendet wurden wechselnd Namen aus Namespedia, Behind the Name und Beliebte Vornamen

Korrekturen für unterschiedliche Perspektiven (etwa auf Elemente der Jugendkultur und sexuelle Vielfalt oder auf ethnische Hintergründe und andere, vielfältige und diverse, auch überschneidende Themen) sind in meiner gegebenen Arbeitsumgebung jenseits normaler Empathie nicht möglich. Versuche sind verlogen und deshalb nicht geschehen. Es gibt keine Ausgewogenheit in der HIRNWANNE. In ersten Sichtungen des Materials wurden Häufigkeitsverteilungen von Haarfarben, Ethnien, Körpergrößen und -gewicht, sowie Geschlechter in Deutschland bei statista nachgesehen. Ich konnte keinen poetisch ergiebigen Blickwinkel finden und habe das nicht weiter verfolgt.

Die Figuren sind nummeriert. Ihre Nummern entsprechen den Seiten in den zwei Bänden mit den Originalzeichnungen (s. u.)

Methoden

Texte

Am Ende der Figurenentwicklung lagen die künstlich erzeugten Namen, die Gender-Zuschreibungen, die Alter und Texte und Erinnerungen für 185 Personae vor.

Im nächsten Schritt wurden die Vor- und Familiennamen über Suchmaschinen recherchiert (z. B. Heiligenlegenden, Namenslexika für werdende Eltern, sprechende Familiennamen, Berufe, Berufsordnungen, Handwerkskammern) und auf ihr assoziatives Potential analysiert. Aus den plausibelsten „Treffern“ wurden Wortlisten erzeugt und in einer Mind-Mapping-Software verwaltet (TheBrain)

Diese Wortlisten wurden mehr oder minder umfassend in Personal-Narrative „eingebaut“. Hierbei handelt es sich um kurze (etwa 75 Wörter) lange Texte in einfacher Syntax mit Beschreibungen von Objekten (Farbe, Geruch, Form etc.) Situationen (in der Regel räumliche Bezüge) und emotionalen Bewertungen (Liebe, Hass, Ekel, Abneigung, Ehrfurcht, Ambivalenz etc.).

Diese Personal-Narrative wurden mit DeepL maschinell ins Englische übertragen. Die Ergebnisse wurden auf sachliche und sprachliche Richtigkeit kontrolliert.

Die von DeepL erzeugten englischen Personal-Narrative wurden mit TextSynth (Model GPT-J6B oder GPT NeoX 20B) maschinell erweitert. Iterativ wurden die TextSynth Parameter (insbesondere der Parameter „temperature“) so angepasst, dass ein „verwertbarer“ Text entstand. Als „verwertbar“ wurde ein Text betrachtet, der der SPO-Regel folgte, einen sinnvollen Eindruck machte und „irgendwie was brachte“. Dieser Text war allenfalls zwei- bis dreimal länger als das Original. Weitere Verlängerungen führten zu immer sinnloser werdenden Wortketten, die sich auch nicht mehr erholten.

Den Ansatz verdanke ich einem Buch des Kollektiv 0x0a (Gregor Weichbrodt und Hannes Bajohr): Monika Rinck, Poetisch denken 1 Frohmann / 0x0a, 2020. Der Umweg über eine englische Übersetzung erschien für mich die einfachste Vorgehensweise, da ich weder Erfahrung noch Ressourcen im Training eines Sprachmodells und keinen deutschsprachigen Korpus wie etwa The Pile hatte. Dass 0x0a die Texte tatsächlich nicht verändern mußte, sondern nach der maschinellen Erzeugung „unverändert wiedergegeben“ haben konnte, nötigt mir allerhöchsten Respekt vor der Trainingsleistung des Sprachmodells ab. So etwas kann ich nicht.

So also wurde das Ergebnis oder ein geeignet erscheinender Teil davon mit DeepL zurück ins Deutsche übersetzt, und wiederum auf Korrektheit und Plausibilität überprüft.

Der Personal-Narrativ wurde im weiteren Verfahren als „eigener“ Text und als “normales” mehr oder minder gelungenes Ausgangsmaterial frei verarbeitet und nach einigen Wochen konnte ich „meine“ und die „künstlichen“ kaum noch (und immer wieder nur an Hand einer etwas versteckten Kodierung) unterscheiden. Ab hier mache ich, was ich will. Ich kann das alles auch nicht oder anders machen. Das ist der Kern von Poiesis. Machen mit Ziel. Und deshalb ist auch dies ein poetischer Text.

Bilder

Verwendet wurden handelsübliche Farben und Pigmente. Überwiegend wurden Produkte der Firmen Schmincke, Faber-Castell, ArtGraf und Molotow benutzt.

Bei der Produktion wurde der Verschmutzungsgrad der Umgebung konsequent und nachhaltig kontrolliert, Abweichungen von Reinigungsprotokollen wurden umgehend korrigiert.

Für die Originalzeichnungen wurden zwei Skizzenbücher (400mm hoch x 300 mm breit) von der Buchbinderei Edmund Schaefer e.K. in der Maastrichter Strasse in Köln verwendet, die ihr Geschäft inzwischen aufgegeben hat.

Gelegentlich wurden fremde Bilder genutzt. Diese Bilder wurden über einen Video Projektor auf die Buchseite projiziert und in mir geeignet erscheinender Weise gezeichnet. Bei Verwendung solcher Bilder wird online auf die Quelle der Idee verlinkt, im Buch nicht.

Tiere

Gelegentlich werden zwei Hunde, Tibetspaniels, erwähnt: „Camus“ ist ein 10 Jahre alter Rüde und „Bertha“ erscheint als 8 Jahre alte Tibetspaniel Hündin. Die Tierschutz-Hundeverordnung (TierSchHuV) wurde beachtet. Während der gesamten Projektdauer wurden die Hunde tierärztlich betreut.

Bei Bertha, a.k.a. Frau von Suttner, ist zu beachten, dass sie jemand anderes ist, eigentlich. Sollte sie sich misshandelt fühlen, wird sie schnell und hart für sich selbst handeln – including, but not restricted to, planetary distruction.

Orte

Regelmäßig endet ein Beitrag mit drei Wörtern vor eventuellen Nachbemerkungen, Hinweisen oder Notizen. Das ist der Ort der Handlung.

Die Eingangsszene spielt an einem realen Ort. Der Zusammenhang mit den Personen aber nicht: er ist immer frei erfunden. Die in den Texten irgendwelchen Orten zugeschrieben Ereignisse, Anwesenheiten oder Handlungen von Personen sind alle frei erfunden und haben nicht stattgefunden.

Alle Orte werden mit dem Verfahren von what3words verwendet, das jeder Position auf der Erde mit einer Genauigkeit von 3×3 Metern eine Kombination von drei Wörtern zuordnet. Die verlinkte Position wird regelhaft in der Kartenansicht gezeigt. Die Satellitenansicht ist die angestrebte. Sie wird durch den Knopf unten rechts aufgerufen.

Die drei Wörter haben eine evokative Qualität. Sie laden ein zum Fortspinnen. Es gibt inzwischen eine Szene von w3w-Poetry. Manchmal legen die drei Wörter einen Zusammenhang mit dem Text nahe. Da mag ich mich auch mal in den Quadraten der Umgebung nach einer „schöneren“ Wortreihe umgeschaut haben. Das ist aber kein Konzept. Die Ort ist immer als Ort der Handlung gemeint und ergibt sich nicht aus den Wörtern.