Im Gespräch: Kritik und Scheitern

Zwei Männer, jeder ohne Sakko, in weißen Oberhemden einer mit rotem Strohtrilby der andere mit einer New York Yankees Kappe, gehen nebeneinander durch einen Wald. Der Weg ist mit Schotter bedeckt, an den Seiten flachgetreten, in der Mitte spärliches Gras. Ihr Schritt ist wie ein langsamer Puls, aber nicht ganz regelmäßig, weil mal der eine, mal der andere stehenbleibt und ohne nachvollziehbaren Grund irgendeine Pflanze befummelt, Baum, Strauch, Kraut, und dabei das Gespräch fortsetzt.

In konstruktiver und kritischer Atmosphäre

Gottlob von Treuensee (GvT): Herr Dr. Zimmermann, Sie wissen: Ich bevorzuge eine konstruktive und durchaus kritische Atmosphäre. Es ist schön, dass Sie sich daran halten wollen. Beim letzten Mal haben Sie das Gespräch abrupt beendet und sich mit einer eher prosaischen Angelegenheit beschäftigt. Was wollten Sie uns damit sagen? War das ein performativer Sprechakt, perlokutionär, doch ohne Worte? Lassen Sie uns zum Thema Kritik zurückkehren. Wie gehen Sie damit um?

Christoph Zimmermann (CZ): Die Realität ist oft vielschichtig, was alle wissen, doch immer wieder sind die Dinge genau das, was sie zu sein scheinen. Manchmal ist eine Zigarre einfach eine Zigarre. Das sehen wenige. Ich erinnerte mich, dass der Gärtner jeden Moment kommen würde. Er hatte sich über die Hinterlassenschaften des jungen Hundes auf dem Kies beschwert und befürchtete gesundheitliche Risiken für seine Mitarbeiterennni beim Aufräumen. Diese jähe Erinnerung erklärt meine abrupte Abwendung und das Fegen. Ich wollte nicht den Goecke geben. Ich hoffe, Sie fühlen sich entlastet und hier bei mir auch sicher.

GvT: Wie schön, dass Sie sich noch erinnern. Lassen Sie uns fokussiert bleiben: Wie gehen Sie mit Kritik an Ihrer Arbeit um?

Ein Experiment

CZ: Meine Texte erscheinen ausschließlich auf meiner Website. Ich habe sie ohne Erfolg verschiedenen Lyrik-Verlagen angeboten. Es gibt keine Rezensionen oder Kritiken in anderen Medien.

GvT: Suchen Sie überhaupt Feedback?

CZ: Von wem? Manche Leser melden sich tatsächlich. Das sind weder systematische noch professionelle Rückmeldungen.

GvT: Haben Sie versucht, Ihre Arbeiten selbst zu veröffentlichen?

CZ: Eine Veröffentlichung auf meiner Website steht einer Veröffentlichung über einen Verlag nicht im Wege. Selbstverlag schon. Selbstverlag ist technisch einfach. Es gibt auch eine Reihe von Unternehmen, die pflegeleichte Unterstützung in verschiedenen Paketen anbieten. Im Selfpublishing umgehe ich das Review-Verfahren eines ordentlichen Lektorats. Irgendjemand muss hier den Text für hinreichend gut befinden, um ihn zu drucken. Grundsätzlich vertraue ich dem Verfahren. Es ähnelt dem naturwissenschaftlichen Publikationssystem, das ich kenne. Wenn ich etwas anhaltend nicht veröffentlichen kann, ist es nicht gut genug. Das ist einfach. Ich lebe damit. Es muss aber nicht wahr sein. Natürlich gibt es weltberühmte Bücher, die zunächst von zwei Dutzend Verlagen abgelehnt worden waren, oder Werke, die im Selbstverlag oder mit Druckkostenzuschüssen erschienen, ehe sie zu Klassikern wurden. Sehr gute Ideen können zu früh kommen. Doch ist Vergleich Anmaßung.

GvT: Ihre Texte der „Hirnwanne“ kommen immer in zwei Teilen. Der erste eher erzählend, als szenische Kurzgeschichte oder klinische Vignette, der zweite als Gedicht. Dort gibt es spielerische Texte in sehr freier Form, aber auch Sonette mit strengem Reimschema und elf Silben pro Zeile. Macht dieses Nebeneinander mehr Verwirrung als Bereicherung? Das ist nicht gut für die Aufnahme bei Verlag und Publikum? Bilder gibt es auch noch.

CZ: Diese Frage kenne ich von schreibenden Profis. Die Verwirrung ist gewollt. Ich kann den Dreiklang der Gliederung nicht verlassen, weil das Konzept dann stirbt. Aber natürlich kann das Projekt vom Ansatz her falsch sein, in die Irre gehen oder ist dort längst angekommen. Ich bin zu nah dran.

Elevator Pitch

GvT: Was ist denn Ihr Konzept?

CZ: Der Elevator Pitch könnte sein: Ich stelle einen Menschen auf eine Bühne, will Nichtigkeit, Kleinheit und Dummheit zeigen, ohne Gefahr für ihn und andere, er soll er selber sein, während Großartigkeit, Großmütigkeit, Durchhaltevermögen und Liebe dieses beliebigen, aber konkreten Menschen durchscheinen – oder anders herum. Und dies will ich auf verschiedenen Achsen tun.

GvT: Etwas konkreter dürfen Sie aber schon werden.

CZ: Es gab von UB40 einen schönen Song. Dieses Echo klingt mit:

GvT: So etwas wie eine „Fanfare For The Common Man„?

CZ: Vielleicht haben Sie es auch etwas kleiner. Aber gut. „Eitelkeit ist meine Lieblingssünde.“

GvT: …spricht der Teufel.

Eine Position und mehrere Dimensionen

CZ: Ich wollte für jede Szene eine geographisch möglichst genau festgelegte Position als konkreten Ort, eine klare Beschreibung des Geschehens, möglichst ohne emotionale Ausdrücke und Wertungen. Diese Situation soll neben einen lyrischen Text gestellt werden. Das Bild tritt hinzu und bringt sprachlos noch eine weitere Dimension und vielleicht zusätzliche Tiefe ein. Zur Not hätte ich auch noch etwas für die Mundharmonika komponiert (lacht). Quatsch. Ich verweise immer wieder mal auf Musikstücke.

GvT: Das Gesamtkunstwerk wird wagnerianisch?

CZ: Überhaupt nicht. Es ist eher eine Versuchsanordnung, ein Experiment mit Regeln. Für mich ist wichtig, dass die Figuren eine möglichst hohe Variabilität haben. Die Zahl der Figuren steht durch die Seitenzahl des Buches fest. Die Figuren sollten möglichst heterogen sein. Auch die dazugehörigen lyrischen Texte sollten variabel sein und keinen einheitlichen stimmlichen Duktus haben. Die Reihenfolge, in der die Figuren geschrieben wurden, war vorher festgelegt zufällig. Textarbeit verändert Autor. Diese Wandlung darf in den Texten nicht rekonstruierbar sein. Im idealen Fall sind Texte und Gedichte so weit entfernt, dass der Leser das Gefühl hat: das kann nicht von derselben Person sein. So sind die Zeichnungen im Stil verschieden. Klar, alle Texte, alle Zeichnungen sind von mir. Da endet das Mehr-Personen-Konzept.

GvT: Das war die Frage nach dem Konzept. Lassen Sie uns, bitte, noch einmal zur Kritik zurückkommen.

Qualität und Innovation: Herausforderungen eines Spätstarters

CZ: Wir haben das durchdekliniert. Die wichtigste Frage ist das Qualitätsproblem. Vielleicht wird meine Arbeit als Versuch eines Spätstarters wahrgenommen, vergangene künstlerische Ambitionen wieder aufleben zu lassen. Dagegen gibt es keine Verteidigung. Ich werde demnächst siebzig. Das beeinträchtigt die langfristigen Vermarktungsperspektiven. Ich fühle mich nicht diskriminiert. Das ändert aber nichts am Alter. Da kann ich nur auf posthumen Ruhm spekulieren. Ich trinke mir das alles schön. Ich hoffe, dass meine Erben von meinen Werken reich werden. Realistischerweise neige ich zum Qualitätsmangel. Die einfachste Erklärung ist eben meist die richtige.

GvT: Haben Sie darüber nachgedacht, dass „Experiment“ manchmal einfach ein Euphemismus für „unverständlich“ oder „unzugänglich“ sein kann?

CZ: Dauernd. Ich bin kein literaturhistorisch Gebildeter. Die deutschsprachige Lyrikszene ist sehr vielfältig und wirklich spannend mit einer enormen Bandbreite an Stimmen und Positionen. Ich lese viel, aber wahrscheinlich zu wenig. Da sind schon eine Reihe von mir unverständlichen und unzugänglichen Gedichten dabei. Was mir unzugänglich erscheint, ist jemand anderem vollständig einleuchtend. Ich habe es doch selbst erlebt: Ich finde ein Gedicht großartig und meine sogar sagen zu können, warum. Das war durchaus nicht immer klar – daß ich wagte, ein ästhetisches Urteil begründen zu können. Und der gymnasialen Leistungskurs Deutsch unterrichtende Tyx trinkt Prosecco, ich aber Rosé, und verdreht mit leisem Schnauben die Augen und schielt ins Leere, weil ich so doof bin. Ich nehme es, wie es kommt. Ich kann es mir leisten, dieses Risiko einzugehen. Ich habe nie mein Leben gegen die Kunst gewettet. Bei allen alten Heldensagen für Kinder und Enkel habe ich genau das nicht gemacht. Jeder, der das wagt, hat sich einen Galerieauftritt oder einen gedruckten Band viel härter und deshalb mehr verdient als ich. Mir war früh klar, dass ich als Arzt weniger Existenzsorgen erwarte als in einem Künstlerleben. In der Entscheidung, keine Mappe an der HdK Berlin einzureichen, steckte ja auch ein Element von Feigheit. Und das war mir schon damals klar. „Ist hinter’m Pflug“ sagte meine bäuerliche Schwiegermutter.

GvT: Glauben Sie nicht, dass Kunst den Gang in das Risiko und bedingungsloses Engagement erfordert? „All in or all out“? Ist Ihre Arbeit letztendlich Hobby: dilettierender Zeitvertreib eines gelangweilten Rentners? Will ein alter Mann hier die verpassten Chancen seines Lebens heilen?

CZ: Das, lieber Herr von Treuensee, liegt im Auge des Betrachters. Es ist vielleicht sogar alles richtig – und was schließen Sie daraus zur Qualität meiner Bilder und Texte?

GvT: Nichts, denke ich. Ich danke Ihnen.

Die beiden Männer trennen sich nach einem kurzen Nicken und entfernen sich von einander.

Fanfare For The Common Man wurde 1942 von Aaron Copland komponiert für das „Jahrhundert des Normalbürgers“ nach einer Rede des US Vice-President Henry Wallace. Es gibt eine sehr bekannte „Coverversion“ durch Emerson Lake and Palmer.

Bilder: Adobe Firefly
Text: Christoph Zimmermann

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