Im Gespräch: Damenstrümpfe und Anfänge


Zwei Männer sitzen im Garten auf Bio-Teak beplankten Stahlrohr-Freischwingern an einem großen Tisch. Auf dem Tisch eine dicke Kerze in einer hohen Glasvase, ein Paar Gartenhandschuhe, ein geschmacklos bunter Plastikbesen und zwei dicke Porzellantassen, die eine bordeauxrot, die andere türkisblau.

Gottlob von Treuensee (GvT): Vielen Dank, dass Sie wieder bei uns sind. Das letzte Gespräch war ja etwas überm Strich. Sie hatten für unser zweites Gespräch ein bescheideneres, doch merkwürdiges Motto vorgeschlagen. „Was mache ich hier? Und warum trage ich einen Damenstrumpf?“ Was meinen Sie damit?

Christoph Zimmermann (CZ): Das ist eine Anspielung auf eine alte Werbung. Kann auch anders sein. Es war ein Bankräuber. Der stand mitten in der Bank, beim Überfall und weiß nicht mehr warum: in der Bank, mit einer Strumpfmaske. Mein bester Freund und ich: Wir planten einen Überfall auf die inzwischen längst geschlossene Buchhandlung Lincke auf der Kö in Düsseldorf. Die war am Südende, nahe Graf-Adolf-Straße. Jeden Tag sahen wir sie jenseits des Grabens von der Schule aus. Wir wollten alle Klassiker Gesamtausgaben auf einmal rauben. Alle. Alles vom Gilgamesch bis zum Expressionismus, weil wir sie niemals hätten kaufen können. Ein Schlag, sie alle zu besitzen. Die komplexe, kiloschwere Logistik wollten wir aus dem Verkauf von Scifi- und Krimi-Heftchen finanzieren: bezahlte Kinderarbeit von Sextanern auf Fahrrädern mit Anhängern für Altbiertransport. Unklar war aber und blieb: Was ist ein Klassiker? Und wie würden wir die Beute aufteilen? Das Projekt verdämmerte weit vor der Beuteverteilung, Anfang Obertertia oder so.

GvT: So lange her. Und weder weiß noch will ich wissen, wovon Sie reden (lacht).

CZ: Meinen Sie den geplanten Heist oder die Klassiker?

GvT: Lassen Sie uns jetzt sprechen über Ihr aktuelles und umfangreiches Projekt: 75 Figuren mit 150 Texten und 75 Bildern.

CZ: Ja, das Projekt ist jetzt im Februar 2024 zwei Jahre alt geworden. Die „Vorgeschichte“ war die erste Nummer. Sie ging im Januar 2022 online. Die letzte Figur, „#73 Louise Hummel“, wurde am 21. Februar 2024 veröffentlicht.

Motivation und Ursprung

GvT: Was hat Sie dazu motiviert, das Projekt zu starten und durchzuführen?

CZ: Da ist sie jetzt doch, die Frage: Was mache ich hier? Motivation ist schwer zu begründen. Jeder fragt, aber eine Antwort gibt es nicht. Bei künstlerischen Tätigkeiten ist vieles nicht freiwillig. Mitten auf dem Weg wächst einem die Lebensüberzeugung zu, die Welt ist ohne die eigenen Werke schlechter dran als mit, selbst wenn der Unterschied infinitesimal ist. Aber er ist eben nicht null. Wie Al Pacino in „Any Given Sunday“ sagt: „We go for that inch.“

GvT: Es ist also eine Frage von Leben und Tod?

CZ: Nicht alles wird freiwillig. Es gibt auch eine gewisse Getriebenheit. Man sollte beides nicht überbewerten. Es erleichtert und stabilisiert meine Arbeit.

GvT: Aber nochmal: Warum haben Sie das Projekt gestartet?

CZ: Ich kann dazu nur sagen, dass es eine Entwicklung gab. Wer die „Vorgeschichte der Hirnwanne“ als Ausgangspunkt und meine Abschiedsrede aus der Klinik knapp 50 Jahre später als weiteren Punkt betrachtete, könnte eine Linie mutmassen. Diese Linie ist sicher keine gerade. Es geht um Reste, um das, was beim Passieren übrig bleibt.

Bedeutung des Projektnamens

GvT: Warum heißt das Projekt „Hirnwanne“?

CZ: „Hirnwanne“ ist wörtlich zu verstehen: Eine Wanne voller Menschenhirne. „Echokammer“ verweist auf Echos von Vergangenem und Abklingendem, aber auch auf Klänge, die man gerne hört, wie Ohrwürmer. Es sollte einmal „Echos Kammer“ heißen, nach der Nymphe Echo aus der griechischen Mythologie.

GvT: Aha, altsprachliches Gymnasium mit Griechisch im Abitur. Verstanden. Und weiter?

CZ: Görres, Düsseldorf. Echo lenkte Hera, die Frau von Zeus, mit Geschichten und Klatsch ab, damit sie nicht bemerkte, dass Zeus dauernd fremdging, der große Meister des sexuellen Übergriffs. Hera verfluchte Echo daraufhin, sodass sie nur noch die letzten Worte anderer wiederholen konnte. Diese Symbolik erschien mir passend – auch wegen Kulturkritik und so. Doch die Personifizierung brachte mehr Probleme als Lösungen. „Echokammer“ als Untertitel kam dem Gedanken nahe und ist als sachlicherer Begriff anhaltend aktuell ausreichend.

Zielgruppensuche

GvT: Wie gehen Sie damit um, dass das das humanistisch gebildete Publikum, das Ihre anspielungsreichen, wikipedia-getriebenen Texte verstehen könnte, so es wollte, vielleicht gar nicht existiert?

CZ: Touché. (Bleibt sitzen, atmet ein, wie zu einer Antwort, schweigt etwa fünf Sekunden)

GvT: (in die entstandene Stille hinein) Sind Sie verletzt? Gehen Sie jetzt blutend zu Boden?

CZ: Dietmar Dath gab einmal sinngemäß den Hinweis: Wer einen Witz über Quantenphysik für schlecht hält, sollte ein Grundverständnis der Materie haben. Ohne diese Basis kann man weder den Witz noch den Witzemacher kritisieren, höchstens die ungeschickte Wahl der Zielgruppe. Natürlich lasse ich mich davon nicht aus der Fassung bringen. Ich arbeite mit jeder Körperflüssigkeit.

GvT: Das war eine wirklich sehr subtile Anspielung auf „Pon de Replay / SAR“ in Ihrem Gedichtzyklus Prometheus. Verstehe. Und wie gehen Sie mit Kritik um?

CZ: Bei Ihnen oder bei mir?

CZ schweigt, steht knieentlastend stützend nach vorne bückend langsam auf, die linke Hand auf der Tischkante. Er nimmt einen abwechselnd shockingpink/heliogrünbläulich beborsteten Kunststoffbesen vom Tisch, geht in den Garten und beginnt, Hundehäufchen in diversen Trocknungszuständen vom Kies auf ein stählernes Standkehrblech zu fegen.

CZ hebt das Kehrblech am langen Stiel mit linker Hand nachfassend auf Hüfthöhe, tippt vorsichtig mit einem bloßen rechten Finger auf die Häufchen, riecht an der Fingerspitze, wischt sie dann hinten an der Hose ab.

CZ klopft das Blech gegen den Rand der von der Stadt gemieteten braunen Biotonne, um die Häufchen abzuladen. Er fegt die klebrigen Reste von der Schaufel, allerdings bleibt ein Teil haften.

CZ geht zum aufgerollten Gartenschlauch, dreht den Wasserhahn auf, wartet bis sich an der Düse aufbauender Druck durch eine angedeutet schwellende Abrollbewegung im Schlauch erkennen läßt, drückt die Taste und spritzt zuerst den glänzenden Stahl der Schaufel, dann die Plastikborsten des Besens mit starkem Wasserstrahl sauber. Er richtet den Strahl auf die Kanten, bis beide Werkzeuge makellos sind. Es bleibt nur die belanglose Rauhigkeit an den schwach aufgepilzten Borstenspitzen des Besens, die allerdings auch vorher schon bestand, möglicherweise ab Werk.

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