Gedenkfeier in einer hellen, kühlen Industriekantine mit Trauerbild eines Gitarristen, Kränzen, Mischpult und Mikrofon; durch die Glasfront sind Kühltürme und Dampffahnen zu sehen.

# 126 Vanessa Klement (Tsunemasa)

Die einundsechzigjährige diplomierte Übersetzerin und Simultandolmetscherin für Englisch und Französisch hatte einen Schlaganfall gehabt. Die linke Seite war gelähmt gewesen. Alles wieder gut: zurückgeblieben ist ein mimisch leicht verrutschtes Lachen. Sie arbeitet jetzt freiberuflich für Gedenkfeiern als Tontechnikerin und Dolmetscherin. An diesem Novembertag steht sie in der Kantine des Kühlturmherstellers in Recklinghausen-König-Ludwig beim Palettenpodest. An die Glaswand hinter ihr sind Trauerkränze wartend angelehnt. Umgeben von Organza-Trauer-Dekostoff steht die postergroße Brustaufnahme des arbeitsverunfallten Servicetechnikers mit Elektrogitarre und Erblassers unbedeutenden Vermögens und vieler kleingerahmter Fotos (von, mit und aus den vielen Teilen der zersiedelten Familie). Neben seinem verschlissenen Mischpult liegen ein Kondolenzbuch, darauf ein BIC-Kugelschreiber, und ein aufgeschlagenes Bibelbuch mit blauflexiblem Plastikeinband, vier Seiten darin mit Haftnotizen markiert: zwei gelb, eine grün, eine pink. Durch die hohen Fenster sind Kühltürme zu sehen und zementene Dampffahnen und darüber rhythmische, pulsierende Halos roter Gefahrenfeuer auf den Kronen. Es ist 18.37 Uhr. darüber.erlischt.weinrot

Chor: Wann immer was sie mit eigenen Augen zu sehen glauben, nicht genug ist, wird es beginnen.

Stapelstuhlbeine. Papiertaschentuch,
Blütenloser Rosenzweig und Wachsfleck
ins Linoleum getrieben.

Kranzschleifen hängen an Ständern
Grüße, Trauer, Frieden, Herz, Erinnerung,
Hände, Liebe, Herr, Glaube, Trost, Barmherzigkeit

Neonröhren, Brötchen, Mischpult.
Kaffee, Blumenwasser, nasse Kleidung, 
Vetiver, Metall und scharfe Kunststoffkanten.

Chor: Die Nacht ist alt geworden

Bleistiftzeichnung auf weißem Papier mit dicht übereinandergeschriebenen, teils durchgestrichenen und kaum noch lesbaren Textzeilen. Die Schrift verdichtet sich zu Schleifen, Knoten und dunklen Linienfeldern; rechts bleibt eine größere freie Fläche mit schmaler Randnotiz. Die Zeichnung gehört zu „#126 Vanessa Klement – Tsunemasa“.

Luftguitarre

Sequencer treiben Bassline durch die Nacht,
blaugrüne Wellen pulsen durch den Steuerzug.
PLAYBACK_MAIN schweigt, AMBIENT genug.
Auf GIT_LIVE daddelt nur noch Eigenmacht.

Zwei Mikrofone, das eine still auf dem Kanal; 
ein Ohrenhörerpaar, die Kabel dünn verbogen
hängt lose, schlaff und leicht verzogen,
das zweite Mikro fängt noch ein fernes Restsignal.

CCTV zeichnet Kränze, Brust und Boden
auf. Ein Stuhl rückt laut, und rückend nur geschoben
entwerfen Gummifüße einen schwarzen Bogen.
Rot blinkt vom Zeugenwinkel stolz die Statusleuchtdiode.

Im Saal schwillt discotequend weinendgrün der Neonschaum.
Das durchgebohrte Herz loopt fatter einfach seinen Traum.

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