Die dreiundsechzig Jahre alte, gelernte Bäckergesellin und spätere Schleckerfrau zieht neben dem Chirurgen auf dem Flur. Er öffnet die Tür zum Konferenzraum. Acht lichtgraue Kunststofftische im Rechteck, dunkelgraue Vierkantrohrbeine. Blaue Schalenstühle, einige verschoben, Schleifspuren der Lehnen an den Wandpaneelen. Aus dem Raster blendgeschützter Leuchtstoffröhren körperloses Licht. Keine Fenster. Whiteboard an der Stirnseite, unruhig beschriftet, Blau und Rot ausgewischt. Eine Spur von Zahlen fast verflossen. Dunkler Abrieb auf dem Boden. In der Luft: Restdämpfe von Flächendesinfektion. Das Klackern eines Infusionsständers draußen verstummt. Stille. erfuhr.braten.besteck
Frau Beck bewegt sich mit einer Spur Verzögerung. Breitbeinig. Erprobter Handgriff an die Zarge, die Lücke zwischen Arzt und Rahmen knapp manövriert. Beim Setzen gleitet ihre Hand der Tischkante entlang. Die Jogginghose viel zu weit, der Gummizug herabgerutscht. Darüber wölbt sich ihre Bauchkugel. Kein Leben darunter, nur Flüssigkeit. Die Schlangen der Meduse. Spinnen auf der falben Haut. Das rehbraune Haar ist an der Basis grau. Sie tut sich nieder, und der Stuhl nimmt sie auf. Sie atmet aus, einmal, und tief.
„Wir müssen über die Transplantation sprechen.„
„Gibt es … gibt es nicht jemanden, der die Leber nötiger hat als ich?“
Der Kugelschreiber schwebt über der schematischen Zeichnung eines offenen Bauchraums.
„Was wird, wenn ich das nicht mehr mache?“
Der Arzt atmet aus, einmal, und tief.
Der Kugelschreiber bebt, sinkt drucklos zum Papier. Bewegungsgeräusche vor der Tür. Ein Wagen rollt an. Eine Frauenstimme dumpf und unverständlich. Anny sitzt, das Bauchschema im Blick. Zwei Finger hebt sie, legt sie auf den Tisch, streicht über die Fläche, einmal nach rechts, einmal nach links.
Chor: „Wichtig zu lernen ist vor allem Einverständnis.“

Anny stirbt (Die Jasagerin)
Die Leber ein Kartoffelsack im
Schwemmland voller Narben,
faul und bleich, zerledert, spröde,
klumpig blind verklebt,
die Haut gespannt,
nur müder Rest vom Fleisch.
Zeit sickert zellenmatt
so dumpf so trüb.
Finger flattern flau
auf nacktem Stein,
und Wort würgt Speichel
schwarz verklebt.
Finger irren,
Schwüre brechen,
Lider sinken
in Flimmern ohne Licht.
Ein Blitz reißt schlafendes Versinken.
Anny lebt (Die Neinsagerin)
Die Leber liegt in einer Schale,
glänzend glatt.
Das Fleisch wird warm,
das stumpfe Grau der Haut vergeht.
Die Wange lacht.
Die Chorzeile „Wichtig zu lernen ist vor allem Einverständnis.“ zitiert Bertolt Brechts Der Jasager. Der Neinsager. Das Stück entstand 1930 und basiert auf Arthur Waleys englischer Nachdichtung des Nō-Spiels Taniko, die von Elisabeth Hauptmann ins Deutsche übertragen worden war.
Die vollständige Chorpassage steht am Anfang des Stücks und lautet:
„Wichtig zu lernen vor allem ist Einverständnis.
Viele sagen ja, und doch ist da kein Einverständnis.
Viele werden nicht gefragt, und viele
sind einverstanden mit Falschem. Darum:
Wichtig zu lernen vor allem ist Einverständnis.“
Bertolt Brecht. Gesammelte Werke, Bd. 2: Stücke 2. Werkausgabe Edition Suhrkamp. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1967, S. 615.
Arthur Waley. The Nō Plays of Japan. London: George Allen & Unwin, 1921; 2. Auflage 1950, S. 229–235.
Dante Alighieri. Divina Commedia. Purgatorio, Canto XI, V. 128: „l’orlo de la vita“.
Dante Alighieri, Totenmaske, Gipsformerei der Preussischen Museen zu Berlin.
