#55 Raffaela Fiedler

42w. Die Verwaltungsfachwirtin mit Schwerpunkt Kommunalrecht sitzt am Wassergraben der Linner Burg im Gras, am Weg. Sie blickt auf Bergfried, Fenster, Kegeldächer. Sie kam mit ihrem Lastenfahrrad nach der Arbeit aus St. Tönis, hatte ihre Rauhaardackelhündin Ben beim Nachbarn abgeholt. Sie will mit ihrer Tochter Kaffee trinken. Neben ihr liegt offen eine Mappe mit Unterlagen zum Ratsprotokoll wegen der Schule am Wasserturm. Die links oben geklammerten Seiten blättert der Wind träge um. Sie klappt die Mappe zu und legt ihr Telefon darauf. Auf dem Wassergraben gleitet eine Teichralle. Der Vogel schiebt im Schwimmen den Kopf tuckernd rudernd vor / zurück. Der Körper ist dabei ganz still. Die Beine paddeln tief im Wasser, unsichtbar. Das alles macht kaum eine Bugwelle. Sie schaut der Ralle zu. Die Tochter hat sie jetzt entdeckt und nähert sich von hinten.

Begegnung

Hier stand die Eiche schon einhundert Jahre.
Sie wuchs und nährte Sau und Bock.
Sie warf die Mast ab, ließ gewähren.
Die Rinde trug vernarbtes Liebesweh.

Die Kettensäge fräst durch Jahresringe.
Im Sturz zerbricht das Holz und splittert Skylines.
Es dauert Jahre. Pilz und Keim und Käfer
zerlegen Borke, Bast und Holz.

Kadaververjüngung: Anflug, Abwurf, Vogelscheiße.
Regen spült, und Reh kommt äsen.
Langsam wächst ein Märklin-Wald
mit Buche, Birke, Trauerweide.

Der Eichenfels steht unbewegt.
Die Schrunden schluchten dunkelschwer.
Die Birkenblätter beben funkelnd neu.
Da kommt ein Hund, und er will pinkeln.

Der Ort des Geschehens als what3words Adresse:

ziemlich.verbunden.mildern

Wenn ich mit den Hunden durch den Wald gehe: Hunderunde.
Skylines nach dem Sturz der Eiche: siehe auch Eichencity