#14 Wieland Hasenkamp

m63. Mit siebzehn hatte der auszubildende Metallbauer Träume und einen privaten und schweren Mopedunfall. Das war das alte schwer ohne Rettungshubschrauber. Arme brechen Schulterketten, Schädel splittern mit rechts-temporaler Impressionsfraktur, vier Wochen Koma, und nicht künstlich. Nach Krankenhaus die Reha, old school, also nicht viel mehr als Körperverwahrung. Danach bekrabbelte er sich in der Schmiede-Adjustage im Kontrolle-Poststellen-Management und Probenlager. Das waren Glück und Dankbarkeit für fünfundzwanzig Jahre. Und nun Schluss. Die letzte Treppe, die mit den neuen BG-lich vorgeschriebenen Stufenvorderkanten, die gerundet auszuführen sind, und die die alten hunderttausendschrittbeschliffenen ersetzen sollen, zeigte Ausrundungen mit Radien von mehr als zwei Millimetern und weniger als zehn Millimetern um Stürzen infolge eines Hängenbleibens der Schuhsohle an der Kante oder dem Abrutschen von der Kante entgegen zu wirken. Genau dort war er mit schlaffem Fuß gehangen. Die Stufen haben ihm die Hüfte gebrochen. Er hat jetzt eine Hüfttotalprothese. Er schaut auf seine Enkelin: auf die lebende Tochter der toten Tochter der toten Frau. Da vorne im Reha-Garten auf den verschlungenen Wegen mit den Rosenbögen und Betonpflanzwannen, den eingestreuten Treppenstufen, Rampen, schiefen Ebenen und den diversen Training-Oberflächen mit Kopfsteinpflaster, Bohlen, Fels, Wand und Kies und Mulch, das alles für zum Laufenüben, sollte sie Krav Maga oder Parkour üben. Er sitzt auf einem Stadtmöbel für Außenbereiche. Die mattgrau hammerschlaglackierte dreiodersomaldreizentimeter Stahldrahtgitter-Parkbank mit der adäquat-ergonomischen Rückenrundung stützt ihn von hinten und rollt ihn dabei leicht nach vorne ein. Er schabt im ziegelroten Deko-Rindenmulch mit dem knöchelhohen Reha-Unisex-High-Sneaker herum. Das Klinik-Logo ist am Außenknöchel auf eine kleine Gummischeibe gestickt. Das ist das neue schwer. „Scheiße.“ sagt er leise. Er schaut durch die Tochter der Tochter noch einmal die Mutter an Fronleichnam in Sterkrade auf Kirmes beim Blumenstand. “Sie hat genau die Augen.“

Wie ich eure Mutter fand?

Ihr wollt wissen –
sollt ihr nehmen.

Solches Singen habt ihr
nicht gehört,
ihr habt solch Glück
weder gerissen,
noch gebissen,
nicht geschossen,
noch erschlochen, 
nicht gestochen,
noch erwochen,
nicht gesehen.

Wo sie nicht ist, 
kann ich nicht sein.
In ihren Tagen
verwehen meine Jahre.

Der Ort des Geschehens als what3words Adresse:

///aufgang.sammelt.unter