#15 Raimunde Garb

w57. Nach der Schule hatte sie (14) eine Friseurlehre begonnen. Wegen Kontaktallergie war alles aus. Eigentlich wollte sie Kosmetik und Maske lernen, dieser Augen strahlendes Paar und so. Das aber hintertrieb der Vater. Gleich mit achtzehn (18) hatte sie dann geheiratet, mit zweiundzwanzig (22) ihren Sohn geboren. Ihr Vater hatte jung (49) zwei Schlaganfälle und versank einäugig gelähmt in sprachlos-trauriger Stuhlinkontinenz. Die Mutter (47) starb im Urin synchron schwimmend querschnittsgelähmt durch Wirbelmetastasen vom Lungenkrebs. Sie (27) verzweifelte wahrhaft und pflegte die Kranken zum Tode. Sie entleerte viele Beutel. Ihr Mann (35) ertrug die Düsternis nicht, noch den Gestank. Er wandte mutlos einer Lichteren sich zu. Sie aber brauchte Geld und putzte eine Zahnarztpraxis. Irgendwann war außer ihr grad keiner da. Sie sollte sofort Instrumente reichen. Das lag ihr, und sie wurde immer besser. Zwei Jahre nach dem glücklichen Zufall machte sie regelmäßig Zuarbeit am Zahnarztstuhl, Jahre bis neue Kammer-Regeln das verboten. Sie hatte keine Ausbildung. Im Labor ist sie nun der gute Geist. Zwischen Keramikbrennöfen, Gipspaketeschleppen, Abdrückeinfächerfüllen, Abfälleentsorgen und Malwiederputzen webt sie hin und her – alles anstrengend, aber weniger stressig als der Stuhl, wenn Hoffnungssehnen ihr das Herz versengt. Montag Nachmittag ist Wassergymnastik im Hallenbad; für den Rücken geht sie da hin. Doch heute hat sie auch Kosmetik.

Nachtkerze

Sommerwarm tropft Wachs jetzt in die Stunde.
Öffnet Blüte sich nächtlichem Mond. Doch
mich packt Firn in dichte Decke.

Das ist der Schnee des letzten Winters,
als Whiteout uns die Zeit verbrannte, und
meiner Zeit die Schönheit grau verging.

Nun schafft sich durch das harsche Tuch
ein dünner Halm, zwei Blätter sind daran, ein Kelch, 
ein leises Klingeln. Farbig wird das Graue werden

und nächtens lautlos leuchtend für uns beben. 

Der Ort des Geschehens als what3words Adresse:

linse.ahnung.gelben