#5 Sophia Böhm

w55. Am Freitagabend im Frühsommer, wenn die Linden auf die Autodächer klebrig sputzen tritt die Flötistin und freie Musiklehrerin auf den Balkon der Beletage. Der ist nicht tief, man könnte kaum drauf sitzen. In einer gewissen Diskrepanz zu den vier Meter hohen Räumen aus der Gründerzeit und den vierhundert Quadratmetern Wohnfläche mit Dienstboteneingang und Klingelanlage in die Küche und das Mädchenzimmer wirkt der kurze Blumenkasten mit den durch Flügelschrauben verstellbaren Baumarktbügeln aus alten Brettern mit abblätterndem, mattem, grünen Lack etwas fremd, vielleicht übrig geblieben. Darin steht eine Bierflasche. Sie hebt die Flasche an: das Etikett nicht lesbar verwittert, auf den Schultern klebriger Strassenstaub, auf dem Boden eine Zigarettenkippe, die leise klappert, wenn sie die Flasche schüttelt und eine Wespe. Die liegt auf dem Rücken, ist tot und klebt mit den Flügeln im getrockneten Bier. Hinter ihr die „kleine Gesellschaft guter Freunde“ nach einem privaten Kammerkonzert mit Klavier-Trio. Der Bösendorfer ist imperial. Er strahlt pommelenrot warm durch das Erkerfenster. Sie stellt die Flasche zurück, reibt mit dem Daumen über den abgeplatzten Lack am Blumenkasten. Etwas sticht. Sie nimmt den Daumen in den Mund und saugt an ihm.

Der Hörsturz

Pfeifen im Ohr nervt in Kammern mit tönendem Brausen und Stimmen. 
Stillheit im Käfig, die Glocke aus Glas. Ein Fisch scheint drin zu schweben.
Klappe, sie wird sich gleich schließen. Das Hauchen im Ansatz wird rauher.
Unmöglich ist nun das Halten. Es bebt ihr der Fluss und der Arm lahmt.
Bleibt so vom Bach ihrem Denken kein einer Gedanke.

bieten.nehmen.lösen

Die Zeichnung greift ein Bildmotiv von Adolph Menzel auf: Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssoucis.

Die Noten am oberen Bildrand sind die ersten Takte der Flötenstimme im 7. Satz „Badinerie“ aus J. S. Bachs Ouvertüre (Orchestersuite) Nr. 2 in h-Moll BWV 1067