#25 Swanhilde Weeber

w52. Das Leben ist kein Tanzlokal. Sie hatte mit neunzehn so eine polyamouröse Offenheit gehabt, wie sie für Lebensalter, Zeit, Region und Karneval damals nicht ungewöhnlich war. Es wird schon wieder gut. Es war dann Jahre lang nicht gut geworden. Mit dem Gutwerden hatte sie nicht mehr gerechnet, bis einer kam und sie dem Luden abkaufte. Der Mann nahm sie nach oben mit, so weit und hoch die Kohle fiel. Und sie waren mit den Töchtern dann vier in Gelsenkirchen-Erle. Das alles ist lang her. Sie fing an zu schreiben. Keiner lebt davon. Sie war Finanzwirtin geworden. Nun hat sie eine SMS bekommen. Nur einen Text, kein Bild. Auf der A30 nach Norden sei er verunglückt, alles weitere unklar. Sie besäuft sich im Tagungshotel und fährt los. Sie landet an dem Gatter einer Kiesgrube. Sie drängt und kämpft durch Zaun, Gestrüpp und Maschendraht. Rasend. Sie atmet Wut und blutet Wirrnis. Schildwall, Pfählung, Stein und Sand bei Seite. Haufen von Geröll in kleinen Teilen der Größe nach sortiert und sortenrein um sie herum. Sie schwankt und strauchelt. Blutend kniet sie nieder, legt sich auf den Rücken wie ein Opfertier. Sie liegt und in’s Gestein reibt sie den Hampelmann, wie die Töchter ihn so machten damals im Davoser Schnee. Sie blickt nach oben auf die Förderbänder. Sie liegt so flach, als würde sie in Regolith versickern. Sie macht die Augen zu. Die Förderbänder schütten nicht, und alle Räder stehen still.

Gerne werd‘ ich dich begraben, so du tot bist,

der stiehlt und raubt, was du nicht vollbracht.
Du Klauber, Trittbrettfahrer, Dünnbrettbohrer,
kein Einfall, nirgends. Aber Vater, Sohn und Geist am horten.

Mir flochten schwaches Haus und knappe Eltern ein dünnes Netz
von Geben, Nehmen, Umgang und Geflüster.
So kann ich’s nicht machen, wie du es scheinen lassen wirst.

Mir fehlt die Härte. Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen,
ob auch ein weit‘res Herz mir bricht und fort in Tränen schwimmt,
und ich mein Lebtag lang um die Sünde weine,

die ich nicht tat. Der Moiren Stunde war das nicht.
Du hast das getan. Hätt‘ ich es verhindern können?
Hier riss der Liebe letzter Wille.

Ich sah Gewinn nicht, sah auch kein Vergnügen.
Dein Sperma war so dünn, so schmal und freudlos auf der Hand.
Mach‘ dir das Herze rein. Ich werd‘ dich hier begraben.

Zu Zeiten hieltest du mich fest,
als hätte wer die Decke eingezogen,
Dachsparren an die Augen mir gedrückt.

Ich wollte dich verwüsten. Meine Fäuste sanken nieder.
Ich wollte du nicht sein. Alleine wollt‘ ich sein.
Ich will mich selbst, nicht mit dir und nicht ohne dich.

umso.milde.spatz

Das Bild geht zurück auf Daten im Sandkataster des Bundesdenkmalamts Österreich für die Baudenkmalpflege, Die Sande Kärntens, unter # S 083, dort auch die Sieblinie.

Sieblinie ist ein interessantes Konzept nicht nur im Bauwesen. Auch für Lebenseinstellungen, Erfahrungen, Charaktere und die eigenen Gründungen für den Umgang mit den Menschen. Siehe auch Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und die Sache mit den Türen und dem Möglichkeitssinn.

Musil-Museum und Austragungsort der Seminare.