#11 Mathilda Witt

w 52. Sie sitzt am Brunnen und wartet auf den Anruf ihres Mannes. Der ist Physiker bei der ESA in Köln und wollte pünktlich in Essen sein für den Besuch im Altenheim beim Vater. Er braucht aber noch, weil in Leverkusen die A3 dicht ist. Unklar ist, wie lange. Sie war noch in der Stadt, weil sie Verlobungsringe für die Tochter anschauen und in der Buchhandlung etwas besorgen wollte. Also hatte sie sich am Parkhaus verabredet. Sie steht auf, zuckt die Schultern und geht unverdrossen und entschlossen hinüber zum Münster. Die Echos der Absätze klacken im Kreuzgang. Sie betritt die Kirche von der Seite, schaltet das Telefon in Flugmodus und setzt sich vor die Mutter vom Guten Rat.

„Ist das Vorhängchen runter?“

Grasgrün, lichtgelb, hellrot sitzt der Vorhang
am Kellerfenster. Schief  sind die Lamellen.
Die Schnur gerissen, sie sind kaum umzustellen
so lang ist’s her, es brach die Spang‘.

Es schützt der Wall die dunkle Nacht lang
wie die Kurtinen an den Zitadellen
das ganze Haus und seine Schwellen –
so wirksam wie im Wald Gesang.

Das Unheil wär vor’s Haus gebannt,
man glaubt es kaum und denkt die spinnen,
und drinnen stockte der Verstand.
Doch will es Abend werden, wird man sich besinnen,

steht wieder bei der Vorhangwand:
konvex nach außen oder innen?

badesee.bewegte.zudem