Kollegen

Kollegen unter sich: der Senat berät

Alle sind „Kollegen“ heute, die sich im Arbeitsleben begegnen. Hunde kommen vor, und Weiteres findet eine Bildersuche im Internet.

Das Konzept „Kollege“ kommt aus der römischen Republik. Es bezeichnet ein Führungsprinzip, in dem eine Person ohne eine andere nicht wirksam entscheiden kann. Es war eine Verabredung zur Machtbegrenzung, gegenseitigen Beobachtung und Kontrolle.

… nach innen und außen

Kollegialität im engen Sinn bezieht sich auf lebenspraktisch qualifizierte Verbundenheit und eine gemeinsame Vorstellung von Berufsstand, Dünkel und Etikette. Sie bindet innen. Sie begrenzt nach außen. Sie regelt Zugang. Solche Bindungskräfte entstehen in Gruppen, die in eigenem Mass durch Umgebungs- und Lebensbedingungen definiert sind. Typische Beispiele sind Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Bergleute, Feuerwehrleute, Polizisten, Kleriker oder Soldaten.

Alte Kollegen

Das sind auffällig „alte“ Berufe, seit Jahrtausenden unverändert. Sie haben schriftliche Regeln und Verhaltensnormen und zahllose nicht-verbale oder unbewusste Leitbilder. Verlaufslinien und Überlieferungsbögen dehnen sich weit hinaus über Corporate Identity, Regelungen der Kassenärztlichen Vereinigung, Compliance, Transparenz, den Code Napoleon, das Bürgerliche Gesetzbuch. Alt ist nicht besser oder stärker legitimiert. Alt ist lange da und eingefahren. Manches, was sich durch Jahrhunderte entwickelt, auch weiterentwickelt hat, verläuft noch immer nicht passgenau und parallel zu modernen Lebenswelten.

In fast jedem Krimi sehen wir Bindungen zwischen Polizisten, die stärker sind als die Prozessordnung. „Kannst du das mal 48 Stunden zurückhalten?“ ist als Frage bereits ein Bruch der Ordnung. Ähnliche Klein- und Großlagen gibt es in allen Berufen. Hin und wieder ist das ein Gesetzbruch. Es gelten Zivil- und Strafrecht.

Das Rohe und das Gekochte

Immer wieder erwarten wir Endverbraucher diesen grenzüberschreitenden Einsatz. Wir wünschen uns das Vergessen eigenen Vorteils, die Regelverletzung zum Wohle der Bedürftigen, die Ritterlichkeit, die Liebe, das sich in die Bresche schlagen, das Kämpfen, das Hineinwaten in den roten Fluss, den vollen Einsatz – und verlassen uns darauf. Die Kriegsmetaphern im „Kampf“ gegen Corona (einschließlich der Forderungen von Zivilisten an die Impfbereitschaft der Gesundheitsarbeiter) haben tiefe Gründungen im Strom der Zeit. Damals kämpften die Ritter der Tafelrunde um das Gute; Merlin und Miraculix zauberten das Kranke aus der Welt. In den alten Berufen flackert Wildes auf. Ihre Rohheit ängstigt uns. Wir brauchen diese Leute aber faktisch und für die Gemeinschaft seelenhygienisch. Als Gesellschaft schauen wir auf diese Metiers mit Ambivalenz, weil die uralte Wildheit derer, die sich zwischen unsere Höhlen und das Böse werfen, nicht kontrollierbar sein kann. Wäre sie es, könnten sie nicht.

„Es läßt sich … nachprüfen, dass die Gé-Mythen vom Ursprung des Feuers, wie die Tupi-Guarani-Mythen über dasselbe Thema, mittels eines doppelten Gegensatzes vorgehen: des Gegensatzes zwischen roh und gekocht einerseits, zwischen frisch und verfault andererseits. Die Achse, welche das Rohe und das Gekochte vereint, ist ein Charakteristikum der Kultur, diejenige, welche das Rohe und das Verfaulte verbindet, ein Charakteristikum der Natur, da das Kochen die kulturelle Transformation des Rohen vollendet, so wie die Fäulnis seine natürliche Transformation ist.“

Claude Lévi-Strauss: Mythologica I. Das Rohe und das Gekochte. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt M., 1971, S. 191

Niemand darf das Rohe sich überlassen. Die natürliche Entwicklung des Ungekochten endet in Fäulnis und Korruption. Es ist Kulturleistung, die Kollegialität auf den Punkt zu garen, À point oder al dente.

Willkommen im Klub

Die alten Berufe entwickelten Normen jenseits der fachlichen Arbeit. Welches Verhalten ist passabel? Was sind unerwünschte Manieren? Was sind Regelverstöße? Das Bündnis bleibt nach außen undurchsichtig. In den Kreis der Kollegen kommt, wer sich innerhalb eines solchen gesellschaftlichen Teilsystems auf Begrenzungen einlässt. Der Anwärter muss dies wollen und die mit der Aufnahme verbundene soziale Kontrolle akzeptieren. Das ist anders als die konsequente Beachtung von Recht und Gesetz. Gesetzestreues Verhalten macht keine Fehler und bringt nicht in das Gefängnis, kann dessen ungeachtet doch „unkollegial“ sein.

Schritt für Schritt …

Die Sozialisation in den Arztberuf beginnt mit dem von der Ausbildungsordnung vorgeschriebenen Pflegedienst. Der Student ist der Pflege zugeordnet, schaut sich aber auch bei den Ärzten um. Es folgen Famulaturen. In diesen meist kurzen, unbezahlten Einsätzen arbeitet man im ärztlichen Team mit, vornehmlich als teilnehmender Zuschauer. Die aktuelle Approbationsordnung setzt nach zwei Jahren die Ärztliche Vorprüfung an. Das klinische Studium folgt. Klassischerweise werden Medizinstudenten erst in diesem Abschnitt als „Kollegen“ angesprochen. Dieser Ablauf ist „old school“, aber bei weitem nicht ausgestorben.

… zum Fach, Kollege

Mit dem Antreten der ersten klinischen Stelle hat die Kollegin eine Entscheidung über die Auswahl des Fachs getroffen. Zielvorstellung, Zufälle, Persönlichkeit und oft unbewusste Anlagen und Geschicklichkeiten haben die Wahl geprägt. Mancher erkennt später, warum er in seiner Disziplin gelandet ist. Ein Gebiet oder dessen typische Vertreter wollen vielleicht nicht zum eigenen Weltgefühl passen – daraufhin wird man wechseln.

Die Assimilation beginnt. Diese Entwicklung ist weit mehr als das Lernen fachspezifischer Kenntnisse oder die Fortentwicklung geistiger und physischer Fertigkeiten. Denk- und Verhaltensweisen prägen sich ein. Bei tiefer Verwurzelung in Rationalität und Wissenschaftlichkeit haben alle klinischen Disziplinen einen jeweils gesonderten Blick auf den Menschen. Die aus ihm entwickelte Gestalt fällt beim Urologen anders aus als die Wahrnehmung des Psychiaters oder der Leberspezialistin. Jedes Fach konstruiert seine eigene Repräsentation von dem, was wir als Wirklichkeit da draußen vermuten. Ärzte lernen die alte Weisheit „Die Karte ist nicht das Gelände“ . Der richtige Umgang mit diesen Karten und das Erkennen der Lücken, in denen die Monster wohnen, ist ein herausragendes Trainingsziel. Auch muss das Lesen fremder Karten geübt werden. Das ist Grundlage klinischer Sprachfähigkeit.

Die Karte ist nicht das Gelände

Bergführer kennen die Karten und das Gelände. Sie haben Handlungswissen im Umgang mit Geröllfeldern, Gletscherspalten und anderen ernsten Themen. Der Laie sieht die Karte und meint, er kenne das Gelände. Es ist die Aufgabe der Erfahrenen, die Neulinge durch das Gestrüpp des klinischen Alltags auf einer 40-Bettenstation zu führen – und in die Feinheiten der Bürokratie einzuweisen.

Die PJlerin oder Benjamin, der Assistenzarzt, kommt auf der Visite mit einer Idee hervor. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bringt dieser Hinweis die Arbeit nicht voran, hauptsächlich, weil die Alten sie kannten und einberechnet hatten. Von Zeit zu Zeit haben sie das freilich nicht. Und jetzt? Das ist kein Fall von blindem Huhn, sondern ein Sieg des Geländes über die Karte.

Alle Ärzte machen Fehler. Und wir lernen aus den Fehlern. Unsere häufigsten Missgriffe ändern im Laufe eines Arztlebens die Prägung, leider nicht zwangsläufig die Häufigkeit. Die Anfänger hören bei Pferdegetrappel auf der Straße gerne die Zebras, die Alten die Holsteiner oder Oldenburger, „weil das ist seit Jahren so“. Wir lernen am Modell und im Gespräch und brauchen deshalb mindestens eine Person mehr als uns. Jeder.

Deswegen verortet die Deklaration von Genf den Arzt in drei Perspektiven der Zeitlinie und ordnet ihm die Tradition in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Jeder erfahrene Arzt war einmal ein unerfahrener Arzt.

Ich werde meinen Lehrerinnen und Lehrern, meinen Kolleginnen und Kollegen und meinen Schülerinnen und Schülern die ihnen gebührende Achtung und Dankbarkeit erweisen.

Deklaration von Genf in der von der 68. Generalversammlung des Weltärztebundes in Chicago, Vereinigte Staaten von Amerika im Oktober 2017 beschlossenen Fassung.

Kollegialität im Austausch reduziert den rohen Trieb, Eitelkeit oder Konto zu bedienen. Sie stellt das gemeinsame Gefüge von Diskurs und Handeln vor die Interessen des einzelnen Agenten. Sie dient dem Patienten. In den historischen Beispielen der Regelung Guter Praxis lesen wir darüber: von der Genfer Deklaration über die Siebzehn Regeln des Enjuin, den Eid des Assaf bis zurück zum Eid des Hippokrates und dem Vejjavatapada.

Zwerge auf Riesen können weiter sehen
Zwerge auf den Schultern von Riesen.
Encyclopedic manuscript containing allegorical and medical drawings,
Library of Congress, Rosenwald 4, Bl. 5r
From Wikimedia Commons, the free media repository

Und was ist mit Krähen?

„Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“ Soviel Bescheid weiß jeder. In bestimmten Metiers wird es mit Transparenz, Selbstaufklärung und Selbstkritik schwierig. Genannt werden regelmäßig die „alten“ Berufe. Mit dieser Grundvermutung wehrt der Zivilist eine narzisstische Kränkung ab: Die betroffenen Berufsfelder haben eine imposante Verfügungsmacht mit umfassendem Durchgriff in persönliche Felder, Körper und Rechte bei tiefgreifender Asymmetrie von Macht und Wissen.

Die Bindung durch Kollegialität ist eine zweischneidige Sache. Die Gegenpole der Verlässlichkeit, von Achtung und sozialer Fügung sind die Seilschaft, die Beziehungswirtschaft, die Hand, die die andere wäscht, und die Korruption, die Fäulnis.

Ärztliche Arbeit ist ein Mannschaftssport. Kollegialität ist notwendig, um Leistung zu bringen. Die damit verbundene Verschwörung und Abgrenzung nach außen sind einzuhegen. Unkontrolliert entzieht Kollegialität sich der sozialen und rechtlichen Kontrolle. Das Rohe bleibt kulturell ungebunden, wird nicht gekocht – und verfault.

Die beiden Seiten der Medaille sind nicht von einander zu trennen. Unsere Gesellschaft kann die erwünschten Wirkungen nicht ohne Nebenwirkungen erreichen. „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“ Die meisten Patienten begreifen das sofort. Kein Jenner oder Forssmann ohne Grenzverletzung. Es ist nicht zu fragen, ob man unerwünschte Wirkungen hat oder nicht, vielmehr welche, wie viele, und was der zusätzliche Schaden kostet. Fallweise sind unerwünschte Wirkungen so schwer, dass Behandlung nicht mehr vertretbar ist.

Kollegen im Hindukusch

Wir erwarten von Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Uniform, dass sie unsere Freiheit im Hindukusch verteidigen und sich dabei schlimmstenfalls totschießen lassen. Ein Marschbefehl ist keine herzliche Bitte. Sind wir zurecht entgeistert, wenn sich Soldaten der gegenseitigen Verlässlichkeit durch bizarre Verhaltensweisen versichern, rohe Leber essen und nackt im Gebirge herumklettern? Man mag über Formen und Inhalte streiten. Das sind Detailfragen. Die Begründung liegt im Sozialen und ist dort zu bearbeiten. Eine Habilitation in Ethnologie hilft vermuten, dass solches Benehmen nicht nur am Orinoko eine Funktion hat. Notwendig ist sie nicht.

Die „gesamtgesellschaftliche“ Ablehnung und Widerwillen stellen keinen von uns, nicht als Einzelnen und nicht als Kollegialorgan, frei von der Anstrengung nachzufühlen. Verstehen heißt nicht gut heißen. Es wird nichts entschuldigt.

Ein Problem wird nicht dadurch gelöst, dass man es nicht sehen will. Das lernen Ärzte schnell. Bedenken wir, dass verloren gehen kann, was wir nicht verlieren wollen, wenn wir den alten Berufsfeldern Schärfe und Wildheit austreiben. Es wird rasch gelingen, die unerwünschten Wirkungen des rohen Wilden weg zu regulieren. Im schlimmsten Fall sind auch die Wirkungen weg. Die kulturelle Leistung der Gesellschaft und insbesondere der öffentlich-rechtlichen Ärzteschaft wäre es, das Wilde so weit zu erhalten, dass die Triebkraft besteht.
„Preserving the Passion.“

Das ist nicht direkt ein Vorschlag für eine Änderung von Approbations-, Weiterbildungs- oder Berufsordnung. Eher romantisch: Eines nicht so schönen Tages wird sich jeder jemand wünschen, der in blendend blauem Licht aus dem schwarzen Holz des dunklen Walds in die Lichtung tritt und sagt:

„Ich bin hier, wann immer Dein Leben mich braucht.“

Wie immer sind Themen offen geblieben, und einige Türen wurden auch nicht behandelt.

Kollegen streiten
Fachliche Aufsicht – Gutachterkommission – Kunstfehler
Kassenärztliche Vereinigung
Selbstverwaltung und ihr Umgang mit den Verwalteten
Kunstfehler
Schuld und Sühne

Kollegen bei der Arbeit.Titelbild: Cesare Maccari (1880) – „Cicerone denuncia Catilina“ auch bekannt als „Cicerone accusa Catilina in Senato“ (Cicero klagt Catilina vor dem Senat an) Fresco im Palazzo Madama, Rom, Sitz des Senats der Republik. Public domain, via Wikimedia Commons. Originaldatei hier