Humanbiologische Mechatroniker

Es gab zu jeder Zeit kranke Menschen. Manche sind schwer krank. Sie sterben. Die Medizin rettet nicht alle und viele bleiben auf der Strecke, fallweise vermeidbar, regelmäßig nicht.

Kommodisierung der Medizin seit Eva

Es gibt eine nachhaltige Änderung in den letzten Jahren: Nennen wir sie eine „Kommodisierung der Medizin“. Der Zugang zu Fürsorge und Behandlung war über lange Zeit schonungslos eingeengt. Menschen starben aus Armut. Die Therapie war unerschwinglich. Im Ruhrgebiet gründeten in der galoppierenden Industrialisierung des neunzehnten Jahrhunderts Kirchengemeinden viele Krankenhäuser. Die Zugangskriterien zu Medizin waren Notwendigkeit, Wohlverhalten und Demut – oder Macht und Geld. Der Arzt war Herr über ein rares Gut. Behandlung ward zuteil, nicht verdient und nicht beansprucht. Heute stehen wir in einem ausgestalteten und offenen Gesundheitssystem. Ansprüche und Rechte sind im Sozialgesetzbuch haarklein geregelt. Darüber sind alle heilfroh.

Im Laufe der Zeit sahen wir eine weitere Wandlung durch unbekümmerte Verfügbarkeit. Inzwischen erwartet die Bevölkerung, dass Medizinversorgung glatt und geräuscharm strömt wie WLAN und Trinkwasser. Und der Erfolg muss garantiert sein.

Krankheit und Tod sind Schicksalsfragen. Daran hat sich 150.000 Jahre nach „Eva“ nichts geändert. Die Rezeption im Publikum dagegen hat sich schon gewandelt. Schicksal soll jetzt alleweil dem Drehbuch folgen. Abweichungen sind zu begründen. Auf diesem Hintergrund ist die Zunahme von Transporten und Notfällen in Klinikambulanzen zu sehen. Das ist nicht mit zunehmender Krankheit der Bevölkerung erklärt. Steigende Durchschnittsnoten bei der Allgemeinen Hochschulreife sind nicht zwangsläufig Ausdruck wachsender Intelligenz der Menschen.

Same Day Delivery

Wir leben in einer Zeit von „Instant Fulfillment“ und „Same Day Delivery“ und ertragen kaum, für Bestelltes länger als 24 Stunden Geduld zu üben. Das vollziehen die meisten von uns an ihrem eigenen Konsumverhalten nach. Warten ist schwer auszuhalten und in Zusammenhang mit Gesundheit gar nicht. Anspannung und Triebverzicht sind unerträglich. Alles muss nun schnell gelingen, das am liebsten auch sofort.

Hinter diesem Drang stehen Angst und falsche Vorstellungen vom „Kranksein“. Was macht eine gesundheitliche Störung „wesentlich“? Weite Kreise bereiten keine Mahlzeit zu. Eine ordentliche Erbsensuppe kocht stundenlang. Viele geraten in Panik bei Befindlichkeitsstörungen. Nicht jeder Schnupfen ist eine Lungenentzündung. Wenn bei geringen Verzögerungen Tod und Verderben zu befürchten stehen, hat der normale Mensch Angst. Bei Gesundheitsfragen sind Geschwindigkeit und sofortige, volle Verfügbarkeit von professioneller Hilfe besser als langsame und lückenhafte Versorgung durch ungeschultes Personal. Klar.

Der Tod der Expertise

Früher entschieden Fachleute über Priorisierung und Ressourceneinsatz. Heute sind die Menschen „im Bilde“ durch Internet und „haben das studiert“. Sie haben einen Bachelor in Reflexzonenmassage und zu allem eine klare Meinung, namentlich zu Behandlungsfragen. Klassiker sind: „Ich bin grundsätzlich gegen Medikamente!“ oder „Da müssen Sie sofort einen Kernspinnt machen!“

„These are dangerous times. Never have so many people had access to so much knowledge, and yet been so resistant to learning anything.“

Nichols, Tom: The Death of Expertise: The Campaign Against Established Knowledge and Why it Matters, 2018, Oxford University Press

Der Dämon ist dem Erleben des Wilden innerlich, die Mikrobe äußerlich, oder so, schrieb Claude Levi-Strauss in „Traurige Tropen“. Es scheint, es gäbe zu den Aufspaltungen in differenziertere Milieus unserer Gesellschaft auch Zersiedelungen in der Vernünftigkeit von Krankheitsverständnissen: Es ist was auch immer möglich. Viele Patienten haben technisch-mechanistisch geprägte Vorstellungen entwickelt, alles wäre machbar und planbar. So ist sofort jemand „schuld“, wenn der Plan nicht aufgeht. Erklärungsmodelle sind entscheidend. Sie formen Erwartungen. Wenn die Rationalität dieser Modelle nicht ausreicht, gilt ein alter Spruch:

„Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande.“

J. W. Goethe: Maximen und Reflexionen #900, Nachlass: Über Literatur und Leben. Gedenkausgabe, Artemis Verlag, Zürich und Stuttgart 1962, S.617

So gestimmte Patienten sind nicht krank. Sie haben ein Problem mit ihrer Maschinerie. Ihr eigener Körper wird konstruiert als Gegenstand oder technisches Gerät, das repariert und wiederhergestellt werden kann, zur Not ohne vorangehende Wartung. Aus diesem Verständnis nähren sich Unsicherheit, Angst und Zorn, wenn es nicht weiter trägt. Es trägt nicht, weil es falsch ist.

Das Tragen der Oma

Das „Nicht-mehr-tragen“ der Oma war der Schrecken schlechthin, dräuender Untergang allen familiären Zusammenseins. Trägt die Oma ihre Pflichten in der Familie nicht, zerbrechen Infrastruktur und Narrativ. Trägt die Familie die Oma nicht, wird es unbezahlbar.

An dieser Stelle verzwergen Ärzte nicht einmal mehr zu Medizinern. Wir werden humanbiologische Mechatroniker, die die Oma, die (wie alle Omas und Opas in dieser Lebenslage) „bis gestern“ (!) und „immer“ (!) hervorragend zurechtkam, zum nächsten Samstag wieder hinkriegen müssen, damit Frau Mama (45), aka Tochter, samt tätowiertem Arschgeweih und ihr dritter Lebensabschnittspartner (51) und Tochter (29) in den schon lange gebuchten Urlaub (Urlaube sind genauso „schon lange gebucht“ wie Lungenentzündungen und Schädelbasisbrüche „doppelseitig“, Schmerzen und Ausfälle „extrem“, und die Morgenröte „rosenfingrig“) nach WTF fliegen können, weil niemand anders die Enkel (9 und 7, seit der Kita bekannt für auffälliges Sozialverhalten) versorgt. Solche Anforderungsprofile werden stetig häufiger.

„C. geht ins Bad (1974)

Befindlichkeiten

Ärztliche und pflegende Arbeit wandelt sich in eine Kommodität (was der englischen commodity nicht ganz entspricht, siehe Anmerkung am Ende) wie Wasserleitung, Strom- oder Internetanschluss. Und bei erfreulichem Fortschritt der medizinischen Wissenschaft, die stetig mehr über immer weniger weiß, und ab und zu auch mal was Neues über Wichtiges, wird das Gesundheitssystem mit Befindlichkeitsstörungen beschäftigt, von denen Oma früher gesagt hätte „Stell disch nit esu ann!“.

Patienten aber tragen das Leid im Namen und führen als geschätzte und zuträgliche Kunden das ganze Krankenhaus am Nasenring der Geschäftsführer durch den 3-Manegen-Zirkus des Systems.

War das jetzt gerecht? Oder fair? Natürlich nicht. In der Generation der Großeltern wurde öfter und schneller gestorben als heute. Es geht nicht um Fairness. Keiner wünscht die alten Verhältnisse zurück, wenn er bei Trost ist: Die alte Zeit war oft nicht die gute. Natürlich sind sozioökonomische Bestimmungsgrößen wirksam auf Krankheit und Tod.

„Es gibt immer zwei Seiten…“

Die Erwartungen laufen in beide Richtungen: vom Patienten zum Arzt, und vom Arzt zum Patienten. Und beide formen sich gegenseitig.

Ein Beispiel ist die Behandlung von Schlaganfällen auf einer spezialisierten Station, der Stroke-Unit. Das Konzept wurde in den 1990er-Jahren etabliert. Neurologen und Internisten und viele Fachkräfte aus Notdienst und Pflege haben mit Mühe und Engagement die Botschaft „Time is Brain“ verbreitet. Es muss schnell gehen, eigentlich sofort. Tatsächlich kommen heute die Menschen nach einem mutmaßlichen Schlaganfall eher in die Klinik als vor Jahren. Sterblichkeit und bleibende Gesundheitsfolgen nahmen deshalb ab.

Die ganz frühen Rezidivschlaganfälle ereignen sich heutzutage auf der Station und nicht zu Hause. Das ist besser, weil die Neurologen die Rezidive schneller erkennen und Komplikationen beeinflussen können. Was aber nicht immer hilft. Es geschieht, dass jemand mit einer leichten Schwäche bei Aufnahme plötzlich eine komplette Lähmung und eine schwere Sprachstörung entwickelt, während er intensiv überwacht wird. Das – sagen Angehörige – könne gar nicht sein. Vorwürfe von inkompetenter Untätigkeit fliegen lautstark über die Station – und vereinzelt Sachen.

So etwas ist noch selten, aber inzwischen nicht mehr rar und wurde von allen im Team erlebt. Die Wut kommt auch in dünneren Erscheinungsformen von Not und Enttäuschung. Solche Wut trifft das Team schwer. Weil sich jeder nach einer jähen Verschlechterung im Rahmen der Qualitätskontrolle fragt, ob nicht erkannt worden war, was hätte erkannt werden können.

Große Erwartungen

Wir haben Erwartungen geweckt, die nicht zu erfüllen sind. Und diese Hoffnungen haben wir alle im Krankenhaus und daneben gemeinsam genährt: Die Fachgesellschaften und die klinischen Opinion Leaders fangen bei der Entwicklung und politischen Durchsetzung solcher Konzepte an. Die Wirkung muss ja mindestens außergewöhnlich bis sensationell sein, damit sich in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit und Ressourcen überhaupt etwas entwickeln kann. Es folgt der Chefarzt bei seinem Gespräch mit der Lokalpresse und beim Fototermin vor einem Feuerwehrauto mit Plakat und Händeschütteln. Und schließlich strahlt das ganze Team in Familien, Freundeskreise und die Kirchengemeinde: Was wir bewirken, ist erstklassig und wir kennen die Zahlen und wir tun alles, dass es den Leuten besser geht.

Der verzweifelte Ausbruch auf der Station ist eine unerwünschte Nebenwirkung dieser kollektiven Kommunikation. Das ändert nichts daran, dass die Stroke-Unit sinnvoll ist und das Reklamelaufen im Sandwich der Lokalpresse dafür mehr Leben rettet und Leid vermeidet, als wenn wir nicht trommelten.

Unsinnige Leistungsanfragen nehmen zu. Sie verteuern die Leistungen des Gesundheitswesens. Sie belasten es durch Verschwendung und Blindleistung. Sie sind auch Folge des Handels der Anbieter. Die Dinge hängen zusammen: Ich wundere mich nicht. Kliniken haben keine Wahl, als sich „am Markt“ zu behaupten. Patienten werden Kunden. Ärzte, Fachgesellschaften und Klinikträger treiben regelmäßig jüngere Sauen durch alternde Dörfer, um den Gral zu berühren: Die Nachfrage zu finden, das Geld anderer Leute. Niemand zahlt bei uns für seine Krankenbehandlung aus eigener Tasche.

Im Markt

Wenn ich die Leistungserbringer dem Markt unterwerfe, die Leistungsempfänger aber nicht, machen die Handelnden Geschäfte zulasten Dritter. Trotz alledem haben wir kein Recht, beide Seiten auszuwildern. Die Empfänger durchblicken den wahren Handel in ihrem Leben nicht. Niemals.

Wir Healthworkers, Medilowda, leben seit der Steinzeit in dieser Asymmetrie. Wir sind Agenten im Marktsystem und gleichzeitig viel mehr. Wir haben Plätze im Ärztekader, in der Pflege und in den anderen Professionen zwischen Pforte, Verwaltung und Sektionsraum. Wir schauen auf die Luft, das Wasser und die Dichtungen. Wir stecken die Bettdecken in die Ecken ein und sichern die Gurte. Wir halten Hände und singen Lieder. Wann immer das Leben uns braucht.

Und wir wissen: Mit großer Kraft kommt große Verantwortung.

AMAZING FANTASY (1962) # 15, der erste Auftritt von Spider-Man. Bildquelle hier. und hier bei Marvel das digitale Heft

Wie immer bleibt manches berührt und offen. Lose Enden sind zum Beispiel:

Selbstbestimmung und Paternalismus / Informed Consent
Der informierte Patient / Patientensicherheit
Stationärer und ambulanter Sektor
Kommodisierung vs. „Commoditization“. Was bevorsteht, ist heute erkennbar
„Der Lack ist dünn“: Aggressivität von Patienten und Angehörigen