Zwei Städte

Ungeschönt – und ungerahmt

Am 3. November 2025 wurde im Forum Kunst & Architektur in Essen die Jahresausstellung des Werkkreis Bildender Künstler e.V. eröffnet.

Unter dem Titel Ungeschönt und ungerahmt versammelt sie rund 40 künstlerische Positionen aus Malerei, Zeichnung, Objekt, Skulptur und Video – konsequent ohne klassische Rahmung, oft roh im Material, fragmentarisch in der Form oder offen im erzählerischen Ansatz.

Die Ausstellung ist bis zum 30. November 2025 zu sehen:
Dienstag bis Freitag: 12:00 – 18:00 und Samstag und Sonntag 14:00 – 17:00

Ich zeige eine Installation.

Zwei Städte

Zwei Städte – eine Einführung

Gottlob von Treuensee

Zwei Städte erweitert EichenCity in der Gegenüberstellung zweier skulpturaler Stadtlandschaften. Zwei Holzkeile – Eiche und Buche – liegen sich auf einem quadratischen, aber zu kleinem Tisch gegenüber: die Enden ragen über die Fläche hinaus.Die beim Fällen entstandenen Bruchkanten lesen sich als urbane Silhouetten eines vibrierenden Hochhausschungels, vielleicht auch eines postapokalyptischen Trümmerfelds. Who knows? Zwischen ihnen steht ein Hund mit einem Stein im Maul, davor ein offenes Skizzenbuch – für Einträge der Besucher:innen. An der Wand: fünf Skizzenblöcke aus der Serie Sennelier; einer zeigt Reproduktionen aus Georg Buschans Illustrierter Völkerkunde – als Referenz auf koloniale Bildtraditionen.

Die Anordnung ist ein Versuch in säkularer Altarstruktur: Tisch als Übergangsraum, Wandblätter als kultlose Ikonostase. Wie in Ritualen der Cargo-Kulte werden Dinge zu Boten einer unsichtbaren Erwartung: Zeichen ohne Erfüllung, Ordnungen im Warten. Der Hund als Wächter, als Mittler. Brot zu Stein. Hunde fressen kein Brot: Fleisch zu Stein? Kuchen fressen?

Das Skizzenbuch vorne könnte die geistige Arbeit vom erlahmten Schauen zu Planung, zu Erwartung, gar Handlung verschieben. Dafür müßte sich jemand hinsetzen und mit dem Zeichenhinterlassen beginnen. Später würde vielleicht noch jemand kommen. Es gibt keine Anleitung. Sichtbarkeit ist verhandelbar: Wer erscheint, wer bleibt unsichtbar, wer spricht?

Im Spiel mit Dickens’ A Tale of Two Cities und Miévilles The City and the City werden zwei Ordnungen des Sehens angedeutet – Nähe und Trennung, Überlagerung und Ausschluss.

Die Installation versteht die Stadt als Kartografie des Dazwischen: nicht Lösung, sondern Wahrnehmung; nicht Eindeutigkeit, sondern verschnittene Realität. Der Stein im Maul des Hundes hält das Unausgesprochene fest – als Erinnerung daran, dass nicht nur das Offenkundige eine Frage der Ordnung ist.

Wir empfehlen, die Karte nicht mit dem Gelände zu verwechseln.
Doch manchmal ist die Karte das Gelände.

Welche Bücher sind erwähnt?

Charles Dickens’ „A Tale of Two Cities“ (1859)

spielt zwischen London und Paris zur Zeit der Französischen Revolution und verknüpft private Schicksale mit historischen Erschütterungen. Im Mittelpunkt steht nicht eine einzelne Figur, sondern ein Geflecht von Beziehungen zwischen Gefangenschaft und Befreiung, Schuld und Selbstaufopferung. Die Handlung bewegt sich zwischen zwei Welten – der bürgerlich-geordneten englischen Gesellschaft und dem aufbrechenden revolutionären Frankreich – und spiegelt deren moralische Gegensätze: Recht und Willkür, Erinnerung und Vergessen, Gewalt und Erlösung.

Dickens zeichnet das Porträt einer Epoche, in der politische Gerechtigkeit und persönliche Läuterung untrennbar miteinander verschränkt sind. Die Wiederbegegnung eines traumatisierten ehemaligen Gefangenen mit seiner Tochter, die Liebe zu einem Mann aus dem verhassten Adel, der Schatten eines Doppelgängers, der schließlich stellvertretend stirbt – all dies wird zum Sinnbild einer existenziellen Umkehr: das Leben des einen wird durch das Opfer des anderen gerettet.

Die berühmte Schlusszeile – „It is a far, far better thing that I do, than I have ever done“ – fasst die Idee der moralischen Erneuerung zusammen. Dickens’ Roman ist weniger Revolutionsdrama als Meditation über Menschlichkeit in Zeiten des Umsturzes: über das, was bleibt, wenn Recht und Ordnung versagen.

China Miéville „The City and the City“ (2009)

erzählt die Geschichte zweier Städte – Besźel und Ul Qoma –, die denselben geografischen Raum teilen, jedoch durch unsichtbare Grenzen voneinander getrennt sind. Ihre Bewohner lernen von Kindheit an, die jeweils andere Stadt „nicht zu sehen“: Häuser, Menschen und Straßen, die jenseits der eigenen Rechtssphäre liegen, müssen aktiv ausgeblendet werden. Wer diese Trennung verletzt, begeht ein Verbrechen gegen die Ordnung der Wahrnehmung und wird von einer geheimnisvollen Macht, der sogenannten „Breach“, entfernt.

Im Zentrum steht ein Kriminalfall: Ein Mord in Besźel führt den Ermittler Tyador Borlú auf eine Spur, die in die parallele Stadt Ul Qoma und schließlich in das Zwischenreich der Breach führt. Doch der eigentliche Kern des Romans liegt nicht in der Aufklärung, sondern in der Struktur der geteilten Realität. Miéville verbindet Elemente des Noir mit politischer Allegorie: Grenzen existieren nicht nur im Raum, sondern im Bewusstsein.

Goerg Buschan „Illustrierte Völkerkunde“ (1922)

Die Illustrierte Völkerkunde von Dr. Georg Buschan erschien zwischen 1922 und 1926. Das zweibändige Werk war als enzyklopädische Gesamtschau der Kulturen der Welt angelegt. Es vereinte Beiträge zahlreicher Ethnologen und präsentierte auf über 1 000 Seiten Texte, Karten, 17 Tafeln und fast 200 Abbildungen. Buschan, ursprünglich Militärarzt und Anthropologe, sammelte Reiseberichte, Museumsbestände und Fotografien, um ein globales Kompendium menschlicher Lebensformen zu schaffen. „Illustrierte“ im Titel verweist auf den zentralen Stellenwert der Bilder – Trachten, Rituale, Hausformen, Körper. Diese sollten „Anschaulichkeit“ vermitteln, fixierten jedoch zugleich stereotype Vorstellungen vom Fremden. Das Werk galt in der Weimarer Zeit als maßgebliches Nachschlagewerk der deutschen Ethnologie.

Es entstand in einer Phase tiefgreifender theoretischer Umbrüche. Buschans Ansatz repräsentierte eine konservative Synthese der damaligen Hauptströmungen: den evolutionistischen Glauben an eine lineare Entwicklung vom „Primitiven“ zum „Zivilisierten“ und die Kulturkreislehre, die von einem Ursprungskern kultureller Formen ausging. Die radikalere Gegenposition des Kulturrelativismus von Franz Boas – der die Gleichwertigkeit aller Kulturen und die Ablehnung rassischer Hierarchien betonte – blieb in Deutschland marginal.

Aus heutiger Sicht steht das Werk exemplarisch für die koloniale Wissensproduktion des frühen 20. Jahrhunderts. Die scheinbar objektive Ordnung des Materials beruhte auf hierarchischen Klassifikationen und der Trennung zwischen europäischem Beobachter und klassifiziertem „Anderen“. Eine postkoloniale Lesart versteht die Illustrierte Völkerkunde daher nicht mehr als ethnologisches Lehrbuch, sondern als Dokument der Kolonialität des Wissens – ein Schlüsseltext dafür, wie Wissenschaft, Bild und Sprache gemeinsam Differenz global erzeugen und ästhetisch stabilisieren, das inzwischen auch in der Provenienzforschung eine Rolle spielt.

Sollten Sie meine Texte und Bilder interessieren:

tragen Sie Ihre email ein….

Ich sende keinen Spam!
Datenschutzerklärung.

Nächster Beitrag