Visite machen

Ich fragte eine Patientin: „Was machen Sie beruflich?“ „Chirurg“ sagte sie. Sie hatte ihre Facharztausbildung in Karl-Marx-Stadt gemacht. 

Ja, manche Patienten kann ich nicht vergessen. Viele aus Bewunderung, weil ich von ihnen über Menschen allgemein und ihre unerschöpfliche Energie und Freude in extremis noch nicht genug gelernt habe. Und mir fallen die ein, denen ich persönlich oder charakterlich nicht gerecht wurde. Dabei sind fachliche Fehler nicht gemeint. Das finde ich nach all den Jahren mit kranken Menschen (seit ich 18 war, habe ich mehr oder minder in – und von – Krankenhäusern gelebt) das Fesselnde: Das Lernen höret nimmer auf. Hier kann man diskutieren, ob das Glas halb voll oder halb leer ist: Ich sage, das Glas ist zu klein. CAVE: „Your mileage may vary!´.

Wann immer das Leben uns braucht….

Slogan der Kampagne 2014, Deutsche Krankenhausgesellschaft – DKG

Visiten im Krankenhaus können anstrengend sein. Der Arzt muss in kurzer Zeit gleichzeitig verschiedene Interaktionsstränge aufgreifen und mit diesen arbeiten: Der Patient will wahrgenommen und verstanden sein, die fachlichen, diagnostischen und therapeutischen Fragen sollen beantwortet werden, die Profis wollen angeleitet, die Angehörigen informiert werden. Jeder Mensch im Raum hat Vorstellungen, was ich  liefern soll.

Für den Unterricht von Studierenden im Praktischen Jahr hatte ich eine Playlist zusammengestellt. Ein paar Songs sollten illustrieren, was mich am Abend vor der Visite beschäftigen kann, eine emotionale Ausgangslage andeuten. 

Der erste Song ist von Ben Harper und Charlie Musselwhite: „I ride at dawn“ aus dem Album „Get Up!“  

Ich habe dieses Lied (gegenläufig zum Text, und beiläufig: es ist einem Navy-SEAL gewidmet) nie kriegerisch verstanden, sondern als den Mittwochabend vor der Chefvisite am Donnerstag. Das ist etwas schräg. Der geneigte Leser braucht mehr Salz. Wir bewegen uns im Sinn- und Wortfeld von Aufbruch, Sich-Stellen, Ehre, Pflicht und Disziplin und Angst und Einsamkeit. Die im Zivilen als eher preußisch-problematisch – zumindest reflexionsbedürftig – betrachteten Sekundärtugenden begegnen einem in gesellschaftlichen Leistungsbereichen, in denen es schnell um die Wurst geht, Militär, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste und, ja, Gesundheitswesen, regelmäßig. Man darf sich fragen, ob diese Schutzfunktionen, ohne solche Tugenden der darin Handelnden zu erhalten wären. Dann sind wir schnell bei Eigenschaften wie Tapferkeit, Freiheit, Güte und Gerechtigkeit. Die sind nicht mehr „sekundär“.

 Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie. Wiesbaden 1956. Insel-Verlag. Seite 18

Vor zehn Jahren – Sommer 2010 – stand ich in Lyon auf dem Weg von der Metro-Station Grange Blanche zum Hotel unversehens einem 6 Stockwerke hohen Denkmal gegenüber: „A la gloire du service de santé“. Das übersetzte ich fröhlich und prompt mit „Zum Ruhm des Gesundheitsdienstes“, verkannte dabei die historische Wurzel als Denkmal für den Militärsanitätsdienst im Ersten Weltkrieg und freute mich naiv darüber, dass die Franzosen mitten in die Stadt ein Riesending von Denkmal hauen, um den Handelnden im Gesundheitswesen die Ehre zu erweisen. Was ich – damals wie heute – als in jedem Zoll berechtigt und klar verdient befand. 

Stolz ist übrigens eindeutig keine Tugend.