Chronofragment #15

Rauminstallation, Privatsammlung.

Selbstklebende Fahrbahnmarkierungsfolie gelb, nach Verwendung im Baustelleneinsatz, zweiteilig, 1500 x 12 cm, signiert, datiert

Chronofragment #15 im Überflug

Straßenprotokolle:
Zur Ästhetik des urbanen Palimpsests

Ein Beitrag von Gottlob von Treuensee

Die Arbeit Straßenprotokolle #15 aus der Chronofragment-Reihe stellt ein 15 Meter langes Band aus gelber Metall- und Kunststofffolie vor, das ursprünglich als Leitmedium für den Straßenverkehr konzipiert war. Durch den bewussten Entzug seiner Signalfunktion transformiert sich dieses Material zu einem Artefakt, in dem sich städtische Spuren – mechanische Prägungen, Reifenabrieb und Witterungseinflüsse – unbewusst eingravieren. Die so entstandene Oberflächenstruktur wirkt gleichermaßen organisch wie industriell und verweist auf urbane Prozesse, die üblicherweise im Hintergrund unserer Wahrnehmung verbleiben.

Vom Funktionsträger zur ästhetischen Metamorphose

In seinem ursprünglichen Kontext diente das gelbe Band der Ordnung und Regulierung: Straßenmarkierungen, wie sie in diversen RAL-Tönen standardisiert sind, definieren im urbanen Raum Sichtbarkeit und Sicherheit. Straßenprotokolle #15 löst jedoch diese allgegenwärtige Markierung aus ihrem funktionalen Zweck und rahmt sie als ästhetisches Dokument. Damit entsteht ein Spannungsfeld zwischen serieller Industrienorm und den individuellen, auf Abnutzung beruhenden Einschreibungen der Stadt. Eine besondere Taktilität entsteht: Die ehemals glatte Folie wird durch Abrieb, Kratzer und natürliche Alterungsprozesse zu einem haptisch erfahrbaren Relief.

Materialität und Narration

Das Werk schließt an konzeptuelle Strategien der Minimal Art an, indem es die serielle Beschaffenheit seiner Ausgangssubstanz betont und dem Objekt selbst eine zentrale Rolle zuschreibt. Gleichzeitig sprengt es jedoch die formale Strenge klassischer Minimal-Positionen, weil hier die urbane Nutzung – im Wortsinne das Darüberfahren und Darübergehen – unkontrollierte Spuren generiert. Die entstehende, prozessuale Dokumentation überführt das Band in eine erzählerische Struktur: Jede neue Kratzspur, jeder Reifenabrieb gleicht einem Eintrag in ein lineares Archiv städtischer Aktionen.

Ähnlich wie bei Cy Twomblys Palimpsesten werden sichtbare Überlagerungen zum konstitutiven Element. Doch während Twombly die Geste des Künstlers in mehreren Schichten wiederholt, verlagert Straßenprotokolle #15 die Autorenschaft größtenteils in den öffentlichen Raum. Die Stadt wird zur „Mitschreiberin“, ohne sich ihrer Rolle bewusst zu sein. Diese Perspektive lässt sich auch auf performative und partizipative Kunstformen übertragen, wie sie etwa von Mierle Laderman Ukeles mit ihrem „Maintenance Art Manifesto“ (1969) angestoßen wurden: Das Alltägliche selbst wird zum Schauplatz für eine künstlerische Umdeutung.

Arte Povera und das „arme Material“

Der Einsatz eines vermeintlich „banalen“ oder „armen“ Materials – im Sinne der Arte Povera (vgl. Germano Celant, 1967/1979) – schlägt eine Brücke in eine Tradition, die den poetischen Wert gewöhnlicher oder industriell genormter Substanzen herausstellt. Anders als die klassisch-naturbezogenen Beispiele der Arte Povera, in denen häufig organische Stoffe wie Erde, Holz oder Pflanzen zum Einsatz kamen, ist hier die Herkunft aus dem industriellen Kontext unübersehbar. So offenbart die grelle Signalfarbe Gelb nicht nur einen funktionalen Ursprung, sondern verweist auch auf Normierungsprozesse, die im städtischen Raum unser ästhetisches Empfinden prägen.

Chronofragment und Zeitlichkeit

Als Teil der Chronofragment-Reihe trägt dieses Werk die Nummer #15. Die fortlaufende Systematik suggeriert einen quasi-wissenschaftlichen Zugang, der Katalogisierungs- und Archivierungsgedanken beinhaltet. Zugleich unterminiert das Werk diese Systematik, indem es die Zufälle und Kontingenzen des städtischen Lebens ins Zentrum stellt. Mit jedem Reifenspuren- oder Witterungseintrag werden Dimensionen von Zeitlichkeit sichtbar, die sich nicht planen oder gestalten lassen – ein permanenter Balanceakt zwischen konzeptueller Ordnung und ungezügelter Alltagsinteraktion.

Zwischen Kritik und Dokumentation

In dieser Verschränkung von Ordnung und Unordnung, Geplantes und Unbewusstem steckt eine subtile Kritik an industrieller Standardisierung: Der RAL-Farbton Gelb verliert seine distanzierte Autorität, sobald er von der Stadt „überschrieben“ wird. Das gelbe Band dokumentiert nicht nur den Verkehr, sondern konterkariert auch die Norm, indem es ihr kaum Platz für die sterile Reinheit lässt, die man von einer Straßenmarkierung erwarten würde. Dadurch entsteht eine ambivalente Lesbarkeit: Einerseits hält das Objekt den Zustand urbaner Gebrauchsweisen fest, andererseits steht es exemplarisch für eine Neuauslotung ästhetischer und gesellschaftlicher Praktiken, in denen das Funktionale zum Poetischen umgedeutet wird.

Fazit

Straßenprotokolle #15 verdeutlicht die Kraft des Alltäglichen, wenn es in einen neuen Rahmen gestellt wird. Die Auseinandersetzung mit Stadt, Zeit, Materialität und Spur führt zu einem dichten Gefüge aus konzeptueller Anordnung und kollektiver Autorschaft. In dieser Hinsicht präsentiert sich das Werk als urbanes Palimpsest, dessen vielschichtige Oberfläche die Grenzen zwischen künstlerischem Eingriff, dokumentarischer Spurensicherung und kritischer Reflexion über Normierung fließend werden lässt. Nicht zuletzt lädt es dazu ein, Prozesse wahrzunehmen, die sich sonst unbemerkt in unser Stadtleben einschreiben – ein leiser Hinweis darauf, dass jeder Schritt im öffentlichen Raum Spuren hinterlässt, die über reine Zweckgebundenheit hinausweisen.

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